Mit dem Begriff „VR“ verbinden viele Menschen eine neue Technologie des Online-Gamings. Per Videobrille ist es möglich, in die Welt des Games einzusteigen und so ein völlig neues Erlebnis zu generieren. Wie beliebt Gaming bereits geworden ist, zeigen die hohen Nutzerzahlen bei Angeboten wie NetBet, aber auch die gesteigerte Nachfrage nach Spielkonsolen und VR-Equipment. Doch lässt sich die virtuelle Realität nur zum Spielen verwenden oder steckt in der Technik noch viel mehr Potenzial? Kann via VR möglicherweise sogar Wissen vermittelt werden?

VR als nützliche Hilfe in Aus- und Fortbildungen

Virtual Reality hat weit mehr Potenzial als nur die Gamingbranche, da sind sich Experten längst einig. Sehr spannend könnte der Aspekt des Lernens sein, denn 360 Grad Medien werden schon heute gehäuft eingesetzt, um Inhalte nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch zu übermitteln. Längst ist klar, dass praktisches Lernen oft stärkere Effekte erzielt als graue Theorie. Böse Zungen behaupten gar, dass die langen Jahre eines rein theoretischen Studiums dafür sorgen, dass Hochschulabsolventen in ihren ersten Berufsjahren nur wenig leisten, da es ihnen schlicht an praktischen Kenntnissen fehlt.

Durch die Integration der VR-Technologie in die Wissensvermittlung könnten Inhalte, die bislang mit Hilfe von Skripts und Texten vermittelt wurden, bald auch in plastischer Darstellung weitergegeben werden. Mit immensen Vorteilen für die Lernenden, da sind sich Forschende einig. Denn um eine neue Fähigkeit zu erlernen, reicht es nicht aus, nur theoretische Kenntnisse und Fantasiebilder im Kopf zu haben. Die wirkliche Reife und tiefgreifende Integration der Inhalte in den Bereich des Wissens entwickelt sich erst mit der praktischen Erfahrung.

Eine kleine Geschichte des Lernens

Menschen greifen schon seit jeher zu Hilfsmitteln, um bestimmte Dinge ihres Lebens zu erlernen. Das begann bei der Erstellung von Werkzeugen, zog sich über die Entwicklung von Zahlen, Schriftzeichen und Sprachen und endet heute bei der gezielten Ausbildung in spezifischen Fachgebieten. Worte waren lange Zeit das wichtigste Element beim Lernen, noch in den 1990-er Jahren gehörten visuelle Lerninhalte in der Schule zu den absoluten Ausnahmen. Praktische Versuche fanden allenfalls im Chemieunterricht statt, doch sie dienten mehr der Unterhaltung und Vermittlung von Eigenschaften als dass sie später einen Mehrwert für das Überleben in Alltag und Wirtschaft gehabt hätten.

Durch die Digitalisierung hat sich an Schulen bereits einiges verändert. Der verhasste Overheadprojektor ist Tablets und entsprechender Lernsoftware gewichen, es wird mit Webinaren, innovativen Videos und Grafiken gearbeitet. Der frühere Gang in die Bibliothek wurde längst durch die Suchleiste bei Google ersetzt. Doch am Ende der Fahnenstange ist noch Luft nach oben, die Weiterentwicklung des Lernens steht gerade erst in ihren Startlöchern.

Warum immersives Lernen immer wichtiger werden könnte

Wer sich einmal in die Schulzeit zurückversetzt, wird wissen, dass Geschichte eines der beliebtesten Unterrichtsfächer überhaupt war. Nicht verwunderlich, denn die Lehrkraft gab sich alle erdenkliche Mühe, ihre Schüler in längst vergangene Zeiten zu entführen und zu vermitteln, was im Mittelalter, im alten Rom und in Ägypten früher erlebt wurde. Auch schwer verdauliche Inhalte, wie die Geschichte über den 2. Weltkrieg gehörte zum Lehrinhalt.

Doch wie kann immersives Lernen nun dazu beitragen, dass Inhalte nicht nur verstanden, sondern auch wirklich begriffen werden? Mittels VR-Brille gibt es für Lernende die Möglichkeit, die Reise in die Vergangenheit nicht nur gedanklich, sondern auch visuell zu unternehmen. Anstatt den Bau einer Pyramide nur aus theoretischen Erzählungen zu kennen, gibt es mittels VR die Chance, direkt neben einem alten Baumeister zu stehen und dabei zuzusehen, wie er Stück für Stück eines der beeindruckendsten Bauwerke aller Zeiten erstellt.

Dinge zu sehen weckt Emotionen und diese wiederum sind ein Träger für Wissen, direkt ins Gehirn. Wer das entscheidende Tor seiner Lieblingsmannschaft im Stadion live gesehen hat, wird den Moment immer wieder abrufen können, denn er hat sich eingeprägt. Wer hingegen nur informell darüber in Kenntnis gesetzt wurde, kennt zwar das Ergebnis, vergisst aber möglicherweise den Weg der Entstehung.

Das Immersionsgefühl als Schlüsselfaktor für den Lernerfolg

Der hohe Lerneffekt der VR Technologie entsteht in erster Linie aufgrund des Immersionsgefühl. Lerninhalte werden nicht als trockene Materie vermittelt, abgeschrieben, notiert, sondern durch virtuelles Erleben greifbar gemacht. Anders als beim Schauen eines Videos wird nicht nur eine Reihe von Ereignissen visuell vorgespielt, sondern eine Situation geschaffen, die der Lernende greifen kann.  Die Abschirmung von der Außenwelt durch Kopfhörer und durch Tragen der VR-Brille sorgt zusätzlich für einen noch intensiveren Effekt.

Seiten müssen nicht runtergescrollt werden, um mehr zu erfahren. Der Film muss nicht an eine bestimmte Stelle gespult werden, mit der VR-Brille reicht eine Kopfbewegung in die richtige Richtung, um zu sehen, was gerade interessant ist.

Primäre und sekundäre Lernerfahrungen

Pädagogen sprechen bei der Entwicklung eines Lernmusters generell von primären und sekundären Erfahrungen. Primäre Erfahrungen sammeln Menschen selbst, indem sie direkt vor Ort sind, das Geschehen hautnah mitverfolgen, praktisch lernen. Sekundäre Erfahrungen werden durch mediale Wissensweitergabe vermittelt. Ein gutes Beispiel ist das Lernmodell von Fahrschulen. Beim praktischen Fahrunterricht, wenn der Fahrlehrer neben seinem Schüler Platz nimmt und diesem das Steuer überlässt, werden primäre Erfahrungen gesammelt. Beim theoretischen Fahrschuluntersicht hingegen werden sekundäre Erfahrungen gesammelt, die dann in der Praxis angewandt werden können.

Sekundäre Erfahrungen haben den großen Nachteil, dass sie meist nicht mit Emotionen gekoppelt sind und daher nicht alle Sinne ansprechen. Ein zwischengeschaltetes Lernmedium, egal ob Buch, Overheadprojektor oder Video, lässt zwischen Inhalt und Lernendem eine Distanz entstehen. Die Erfahrung wird zwar gemacht, sie wird aber als weniger intensiv eingespeichert.

Die Vorstellung, auf einem Hausdach zu stehen und in den Abgrund zu blicken, ist für die meisten Menschen gruselig und kann eine Gänsehaut erzeugen. Wirklich auf dem Hausdach zu stehen und den Blick in den Abgrund mit eigenen Augen zu erfahren, prägt sich im Gedächtnis allerdings für immer ein und hinterlässt Emotionen, die nicht vergessen werden können.

Genau diese Möglichkeiten bietet VR beim Lernen. Anstatt Schülern durch sekundäre Lernerfahrungen zwar wertvolles Wissen zu vermitteln, wird vermehrt auf primäre Erfahrungen gesetzt, um das Wissen nicht nur weiterzugeben, sondern es mit einem Gefühl zu verknüpfen und so langfristiger und effektiver abrufbar zu machen. Je emotionaler der Lernmoment, desto stärker schafft es das Gehirn, die Inhalte fest zu verankern und das Wissen schneller zu verinnerlichen.