Alle "Moriscos" – wie die zwangsweise vom Islam zum Christentum bekehrten Mauren bezeichnet wurden – mussten Spanien verlassen.

So sah es ein Dekret vor, das der spanische König Philipp III. erlassen hatte und das am 22. September 1609 in Kraft trat. Noch im selben Monat wurden in der Gegend von Valencia die ersten Morisken von Söldnern ans Meer getrieben und von dort mit Schiffen nach Nordafrika deportiert.

Die Vertreibung war, gemessen an der Bevölkerungszahl, die größte in der spanischen Geschichte. Rund 300 000 Bewohner Spaniens wurden deportiert, etwa vier Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung.

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Die Betroffenen waren die Nachkommen der Mauren, die im Mittelalter weite Teile der Iberischen Halbinsel beherrscht hatten.

"Die Vertreibung ist ein unrühmliches Kapitel", meint der in Marokko lebende spanische Schriftsteller Juan Goytisolo. "Sie war der erste Vorläufer der ethnischen Säuberungen, die in mehr oder weniger blutiger Weise im 20. Jahrhundert in Europa vorgenommen wurden."

Die Vertriebenen durften all ihr Hab und Gut mitnehmen, das sie transportieren konnten. Es war ihnen aber bei Todesstrafe untersagt, ihre Häuser und Felder in Brand zu setzen, denn diese gingen in den Besitz des spanischen Adels über. Der Künstler Vicente Carducho malte die Vertreibung später, das Bild ist heute im Prado-Museum in Madrid zu sehen (Bild).

"Wirtschaftlich bedeutete die Vertreibung ein Desaster", betont der spanische Arabist Luis Fernando Bernabé. "Spanien wurde in seiner Entwicklung fast um ein Jahrhundert zurückgeworfen."

Die östlichen Landesteile verloren 20 Prozent ihrer Bewohner. Ganze Dörfer und Landstriche wurden entvölkert. Felder wurden nicht mehr bestellt, die von den Morisken geschaffenen Bewässerungsanlagen verkamen.

Die Vertreibung wurde damit begründet, dass Spanien ein katholisches Land sein sollte und Minderheiten nicht mehr geduldet würden. Bereits 1492 hatte das "Katholische Königspaar" Isabella und Ferdinand angeordnet, dass die Juden, die sich nicht zum Christentum bekehren lassen wollten, das Land verlassen mussten.

Den Muslimen wurde damals zugesichert, dass ihre Religion und Bräuche toleriert würden. Sie waren die Nachkommen der Mauren, die von 711 bis 1492 weite Teile der Iberischen Halbinsel dominiert hatten.

Die spanische Krone brach ihr Versprechen aber schon bald. 1502 wurden auch die Muslime vor die Wahl gestellt, den christlichen Glauben anzunehmen oder das Land zu verlassen.

Die meisten von ihnen ließen sich taufen, blieben aber ihren Bräuchen treu und praktizierten insgeheim weiter den Islam. Die Inquisition ging immer härter gegen die unangepasste Minderheit vor. Die arabische Sprache, Tänze, Bäder und Schriften wurden verboten.

Bei der Vertreibung, die sich von 1609 bis 1614 hinzog, spielten neben religiösen auch militärische und machtpolitische Motive eine Rolle. Spanien fühlte sich damals vom Vormarsch der Osmanen im Mittelmeer bedroht. Den Morisken wurde unterstellt, mit den Muslimen aus Kleinasien zu sympathisieren.

In der Bevölkerung herrschte ein tiefes Misstrauen gegenüber den "Pseudo-Christen". Auch der große Schriftsteller Miguel de Cervantes (Bild), Autor des "Don Quijote", äußerte sich zuweilen abfällig über sie.

Hinzu kam, dass Spaniens Position als Weltmacht durch eine Reihe von Niederlagen stark angekratzt war.

König Philipp III. suchte daher einen Erfolg über einen Feind im eigenen Land. "Für die spanische Krone bedeutete die Vertreibung einen ‚leichten Sieg’", betonte der Historiker José María Perceval. "Spanien hatte gerade erst eine de-facto-Niederlage in den Niederlanden erlitten, wo es sich nicht gegen die Protestanten durchsetzen konnte."

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Foto: Wikipedia