Kindesraub in Spanien: Franco entführte 30.000 Babys

Die Andalusierin sah ihr Kind nur für einen kurzen Moment und danach nie wieder. "Die Krankenschwestern brachten den Jungen in ein Nebenzimmer, später sagten sie mir, er sei tot", berichtete die heute 66-Jährige der Zeitung El País. "Dabei hatte ich deutlich ein Weinen aus dem anderen Zimmer gehört."

Estévez ist sicher, dass ihr Sohn damals nicht nach der Geburt in der südspanischen Hafenstadt gestorben ist. Sie geht davon aus, dass sie und das Kind die Opfer eines Verbrechens der Franco-Diktatur wurden, von dem man bis vor kurzem kaum etwas wusste.

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Erst in jüngster Zeit kamen Hinweise dafür an den Tag, dass das Regime von Francisco Franco (1939-1975) systematisch Kindesraub betrieb. Zur Aufdeckung der Verbrechen trugen maßgeblich eine Dokumentation des katalanischen Fernsehens und die Ermittlungen des Richters Baltasar Garzón  bei.

Danach waren Kinder von Regimegegnern – häufig gleich nach der Geburt – ihren Eltern weggenommen worden. Sie wurden von den Behörden mit einer falschen Identität versehen und zur Adoption an Anhänger der Diktatur vermittelt.

Der Franco-Staat raubte Kinder offensichtlich nicht nur in Geburtenkliniken, sondern auch in Lagern in Frankreich, in die Angehörige der spanischen Linken sich nach dem Ende des Bürgerkriegs (1936-1939) geflüchtet hatten. Garzón bezifferte in einem vor zwei Jahren veröffentlichten Bericht die Zahl der Fälle auf mehr als 30 000.

Die ideologischen Grundlagen für den staatlichen Kindesraub hatte ein – im Dienste des Militärs stehender – Psychiater namens Antonio Vallejo Nájera (1889-1960) geliefert. Dieser vertrat die Ansicht vertreten, der Marxismus sei eine Art von Geisteskrankheit.

Er plädierte dafür, die Kinder von Anhängern der Linken dem Einfluss der Eltern zu entziehen. Auf diese Weise sollte die "spanische Rasse regeneriert" werden. Zu den ideologischen Motiven kamen später finanzielle hinzu. Man nimmt an, dass vom Regime protegierte Ärzte und Klinikchefs bei den Adoptionsverfahren für die geraubten Kinder kräftig verdient haben.

"Wie konnte es geschehen, dass ein Drama von solchen Ausmaßen so lange Zeit von der Öffentlichkeit verborgen blieb?", fragt der Schriftsteller Benjamín Prado.

Die spanische Justiz tat sich mit der Aufarbeitung der Franco-Diktatur schon immer denkbar schwer. Für die Verbrechen des Regimes wurde nie ein Politiker oder Militär zur Rechenschaft gezogen.

Garzón wollte der jahrzehntelangen Tatenlosigkeit ein Ende machen, aber er wurde vom Dienst suspendiert, weil er bei den Ermittlungen zur Franco-Zeit seine Kompetenzen überschritten haben soll.

Die Aufdeckung der Praktiken des Kindesraubs ermutigte nun die Angehörigen vieler Betroffener, Anzeige zu erstatten. Bei den Gerichten ging eine Welle von Klagegesuchen ein. Der Staatsanwalt Javier Zaragoza sieht jedoch nur wenig Chancen, die Vorwürfe aufzuklären. Die Fälle von Kindesraub lägen weit zurück und seien möglicherweise verjährt, sagte er.

Estévez gibt derweil die Hoffnung nicht auf, ihren Sohn 45 Jahre nach der Geburt doch noch wiederzusehen: "Als Mutter werde ich ihm nicht mehr dienen können, aber ich will ihm wenigstens sagen, dass ich ihn nicht weggegeben habe, sondern dass man ihn mir geraubt hat."(Hubert Kahl, dpa; Foto: Wikipedia)

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