London (ots) –

E-Zigaretten und verwandte Produkte, wie Tabakerhitzer und Nikotinbeutel, werden in Deutschland gerne von zwei scheinbar unvereinbaren Seiten her beleuchtet. Für die Einen steht der Schutz jugendlicher Nichtraucher vor dem Einstieg in den Nikotinkonsum ganz im Vordergrund, die Anderen betonen die Rolle von E-Zigaretten beim Rauchstopp. Diese Sichtweise führt in ihrer undifferenzierten Vereinfachung letztlich in das klassische Dilemma der Abwägung. Dies ist falsch. Der Schutz von jugendlichen Nichtrauchern muss genauso im Fokus stehen, wie Hilfestellungen für die durch Folgeerkrankungen besonders gefährdeten erwachsenen Langzeitraucher.

Mittlerweile gibt es ausreichend überzeugende Daten dafür, dass E-Zigaretten beim Ausstieg aus dem Zigarettenrauchen helfen können. Ein Cochrane-Review von 2023 beschreibt eine hohe Evidenz dafür, dass E-Zigaretten mit Nikotin (OR 2,37) helfen, eine Zigarettenabstinenz zu erreichen. Diese Evidenz ist höher als die für Nikotinersatzprodukte, für die es ebenfalls eine Evidenz (OR 1,37) gibt. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit rauchen in Deutschland immer noch 23,8 % aller Frauen und Männer ab 18 Jahren. Davon ist die Mehrzahl für den Rauchstopp nicht motiviert. Daher sollten alle Möglichkeiten dafür genutzt werden, dass diese Menschen den Ausstieg schaffen.

Zur Versachlichung der Debatte

Das Jugendalter ist eine kritische Phase für die Entwicklung von Substanzkonsumstörungen. Laut einer Langzeitauswertung der DAK-Gesundheit ist die E-Zigarette bei Schulkindern im Jahr 2023 erstmals die Einstiegsdroge Nummer Eins für eine Nikotinsucht. So hat fast jeder und jede Vierte schon einmal eine E-Zigarette probiert (23,5 %) und mindestens einmal im Monat dampfen 7 % der Schulkinder; klassische Zigaretten rauchen 5,9 % und Wasserpfeife 3,2 %. Die Daten der DAK-Gesundheit basieren auf einer recht große Anzahl von Jugendlichen und beim darauf aufbauenden sogenannten „Gesundheitsradar“ wird von der E-Zigarette als Einstiegsdroge gesprochen. Allerdings beschreibt die Studie eher die Neugier der Jugendlichen und weiß nichts über das Abhängigkeitsverhalten. Eine Arbeit zum Abhängigkeitsverhalten von Arnaud et al. vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters in Hamburg beschreibt an einer Stichprobe von 4001 Jugendlichen im Alter von 12-18 Jahren, dass 11,2 % der Untersuchten Kriterien für mindestens eine der abgefragten Substanzkonsumstörungen aufweisen. Dabei stehen Alkoholkonsumstörungen mit einer Prävalenzrate von 10,1 % ganz im Vordergrund, gefolgt von Cannabiskonsumstörungen mit 2,6 %. Die Prävalenz der Zigarettenabhängigkeit lag bei 1,7 %, während die Prävalenz der E-Zigarettenabhängigkeit nur 0,1 % betrug. Um passgenaue Maßnahmen zum Schutz der Jugend vor den am weitesten verbreiteten Abhängigkeiten zu entwickeln, lohnt sich ein Blick hinter reine Prävalenzen der Nutzung. Daher ist es wichtig, dass zukünftige Studien, wie die der DAK-Gesundheit oder der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), auch Abhängigkeitsmerkmale, wie z.B. die tägliche Nutzung, mit abfragen. Dadurch kann die Debatte bei diesem immens wichtigen Thema versachlicht werden.

Die Politik ist gefordert

Diese und andere Fragen wurden am 16. November 2023 beim E-Zigaretten Gipfel (UK E-Cig Summit) in London diskutiert. Frau Hartmann-Boyce von der Universität Massachusetts und Co-Autorin vieler Cochrane-Reviews zum Thema Rauchstopp, präsentierte vorläufige Daten einer Analyse über die Gesamtheit der vorliegenden Studien zum möglichen Einstieg in das Zigarettenrauchen durch E-Zigaretten. Danach ist die E-Zigarettennutzung unter Jugendlichen eher mit einer Abnahme des Zigarettenrauchens verbunden. Sie begründet dies damit, dass nach Einführung der E-Zigaretten in den USA der Anteil der rauchenden Jugendlichen weiter abnahm. Frau Hartmann-Boyce bemängelte zudem, dass aus vielen Ländern gar keine Daten vorliegen. Unabhängig von diesen Daten, die auf eine eher geringe Gefahr für den Einstieg von Jugendlichen ins Zigarettenrauchen durch die klassischen E-Zigaretten hinweisen, gibt es eine breite Front vor allem gegen die Einmalprodukte. Ihre leichte Verfügbarkeit und ihr niedriger Einstiegspreis wird von vielen Experten kritisch gesehen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, diese Produkte so zu regulieren, dass sie jugendliche Nichtraucher nicht zum Einstieg in den Nikotinkonsum verleiten. Der britische Premierminister hat beispielsweise den ehrgeizigsten und umfassendsten Plan zur Eindämmung des Tabakkonsums seit 20 Jahren angekündigt. E-Zigaretten stehen dabei im Mittelpunkt des Vorhabens, das darauf abzielt, Rauchern möglichst viele Möglichkeiten zum Aufhören zu bieten und gleichzeitig den Einstieg ins Rauchen durch Jugendliche zu verhindern.

Die Gesellschaft steht am Scheideweg

Einen kritischen Blick auf das WHO Framework Convention on Tobacco Control (WHO FCTC) warf beim britischen E-Zigaretten Gipfel Pascal Diethelm, Präsident von OxySuisse, einer Schweizer Nichtregierungsorganisation, die sich für die Bekämpfung des Tabakkonsums einsetzt, und Vizepräsident des Comité National Contre le Tabagisme (CNCT), einer französischen Nichtregierungsorganisation zur Eindämmung des Tabakkonsums. Diethelm erläuterte, dass laut WHO FCTC die Eindämmung der gesundheitlichen Folgen des Rauchens auf drei Säulen beruht: Verringerung der Nachfrage, Verringerung des Angebots und Schadensreduzierung (Harm Reduction) beim Rauchen. Er monierte, dass der WHO-Vertrag ausführlich die beiden ersten Aspekte behandelt, zur dritten Säule aber schweigt. Vor diesem Hintergrund plädierte Diethelm dafür, der Schadensreduzierung den Stellenwert zurückzugeben, den sie bei der Bekämpfung der gesundheitlichen Folgen des Rauchens schon immer haben sollte. Die drei genannten Säulen finden sich auch in der Nationalen Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung. Aber auch in Deutschland wird beim größten vermeidbaren Gesundheitsrisiko auf Bevölkerungsebene, dem Zigarettenrauchen, noch nicht konsequent genug auf die Säule Schadensreduzierung gesetzt.

Robert West, emeritierter Professor für Gesundheitspsychologie am University College London, UK, und ehemaliger Chefredakteur der Zeitschrift Addiction, fasste die Ergebnisse der Session „Tobacco Control & Regulation“ des britischen E-Zigaretten Gipfels wie folgt zusammen: Fachleute des öffentlichen Gesundheitswesens kümmern sich um das Zigarettenrauchen, weil es so schädlich für die Gesundheit ist. Es sei Aufgabe der Politik und der Experten, Wege zu finden, um das Zigarettenrauchen so weit wie möglich zu reduzieren – idealerweise auf Null – und zwar auf eine Weise, die für die Öffentlichkeit und die politischen Entscheidungsträger akzeptabel ist. In der Diskussion über E-Zigaretten hätten moralische Ansichten darüber, was die Menschen genießen sollten und was nicht, zu irreführenden Behauptungen einiger sehr einflussreicher Fachleute geführt. Die Gesellschaft stehe laut West bei den politischen Entscheidungen über E-Zigaretten an einem Scheideweg, und Fachleute des öffentlichen Gesundheitswesens müssten bei ihren Äußerungen über die potenziellen Risiken zurückhaltend sein und auch deren Auswirkungen berücksichtigen.

Schadensreduzierung im Fokus

Zusammenfassend bedeutet dies, dass sich das Vorsorgeprinzip (Jugend- und Nichtraucherschutz) und das Konzept der Schadensreduzierung (Schutz vor Erkrankung unter Rauchern) nicht gegenseitig ausschließen, sondern vielmehr ergänzen. Wie in der Nationalen Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung aufgeführt, ist die Schadensreduzierung eine Säule der Suchtpolitik der Gesundheitsbehörden und darf nicht ausgerechnet beim Thema Rauchen stiefmütterlich behandelt werden. Die Mehrheit der Raucher ist zum Rauchstopp nicht motiviert und daher von gut gemeinten Rauchstoppkampagnen und medizinischen Leitlinien nicht zu erreichen. Um diese Gruppe erfolgreich anzusprechen, ist der ergänzende Ansatz der Schadensreduzierung einer der vielversprechendsten Wege. Diesen nicht zu beschreiten und wie bisher weiter primär auf Appelle und den Effekt von Verboten zu hoffen, kann bei den unverändert hohen Raucherzahlen in Deutschland keine Option mehr sein.

Quellen:

Grechenig, K., Lachmayer, K. Zur Abwägung von Menschenleben – Gedanken zur Leistungsfähigkeit der Verfassung. Journal für Rechtspolitik 19, 35-45 (2011).

Arnaud N, Wartberg L, Simon-Kutscher K, Thomasius R; IMAC-Mind Consortium. Prevalence of substance use disorders and associations with mindfulness, impulsive personality traits and psychopathological symptoms in a representative sample of adolescents in Germany. Eur Child Adolesc Psychiatry. 2023 Feb 28:1-15

Lindson_N, Theodoulou_A, Ordóñez-Mena_JM, Fanshawe_TR, Sutton_AJ, Livingstone-Banks_J, Hajizadeh_A, Zhu_S, Aveyard_P, Freeman_SC, Agrawal_S, Hartmann-Boyce_J. Pharmacological and electronic cigarette interventions for smoking cessation in adults: component network metaanalyses. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023, Issue 9. Art. No.: CD015226.

Pressekontakt:
Prof. Dr. Knut Kröger
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Quelle: ots