Richard Wagner und Rudolf Steiner: Sphärenmusik für Geistesohren

 

„Öfter schon ist ausgesprochen worden, dass wir umgeben sind von Welten geistiger Art, die wir nur zunächst nicht sehen können, wo wie der Blinde umgeben ist von der Welt der Farbe, die er nicht sieht. Wenn seine Augen operiert werden, so dringen Glanz und Farbe und Licht an ihn heran, die ihm zuvor nicht zugänglich waren. Solch eine Eröffnung eines geistigen Sehvermögens gibt es.“

Ein Meister dieser Art des von Rudolf Steiner zitierten Augenöffnens ist ganz ohne Zweifel Richard Wagner – nicht umsonst werden selbst beinharte Materialisten beim Hören von Lohengrin, Tristan und Isolde, dem Ring des Nibelungen oder Parsifal von gar nicht mehr in sich selbst vermuteten religiösen Gefühlen übermannt. Zu Wagners „Bühnenweihfestspielen“ wird nicht gegangen, sondern gepilgert. Und Wagners Anhänger sind auch keine Fans, sondern eine Gemeinde. Weltweit.

Vieles wurde im ablaufenden Jahr von Wagners 200. Geburtstags bereits geschrieben. Um es zum Abschluss des Jubiläums einzuordnen, lohnt ein Blick in die klassische Literatur zum Meister aus Bayreuth – und dazu gehört fraglos Rudolf Steiner, als Begründer der Anthroposophie, der Waldorfschulen, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft (Demeter) selbst einer der großen Augen-Öffner des 19. und 20. Jahrhunderts. Unterm Strich, so schrieb zu Steiners 150. Geburtsjahr vor zwei Jahren die ZEIT, sei Steiner „der letzte und nach dem Niedergang des Marxismus auch der einzige Sohn des deutschen Idealismus, der den Praxistest überlebt hat“.

Es muss also etwas dran sein, am vielleicht bekanntesten Esoteriker unserer Moderne. Warum das so ist, zeigt auch die Neuauflage einer Vortragsreihe Steiners über „Richard Wagner im Lichte der Geisteswissenschaft“, gehalten zwischen März 1905 und Dezember 1907 in Berlin, Köln und Nürnberg. Sie zeigen Wagner durchaus auch als Alltagsmensch, zum Beispiel als strengen Vegetarier oder Gegner des Judentums, der er war – aber eben aus spirituellen Gründen, nicht rassistischen (wie so oft unterstellt wird). So schrieb Steiner schon 1905: „Wagner war nicht Antisemit in dem unsinnigen, gehässigen Sinne, wie man ihn heute erleben kann …“

„Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren.“

Vielmehr präsentiert Steiner seinen Wagner als einen künstlerisch, wissenschaftlich und religiös hochsensiblen Dichter und Musiker, dessen Sehnsucht nach dem „Gesamtkunstwerk“ aus der intuitiv erfassten Tradition ursprünglicher Menschheits-Mysterien gespeist wurde. Weshalb sich Wagner auch genau dieser alten germanischen Mythen bediente, deren Weisheiten wie ein Regenbogen von der urfernen Vergangenheit der Menschheit (Atlantis) bis in deren Zukunft (wahres, vergeistigtes Christentum) leuchten. Und die, wie Steiner zeigt, auch in der griechischen Mythologie stecken, die uns im Krieg um Troja, der Odyssee, Dädalus und Ikarus oder Prometheus begegnen. Es ist eben welt- wie kunsthistorisch durchaus kein Zufall, dass der Nibelungenring aus vier Teilen besteht – und eigentlich erst (wie Wagners Lebenswerk) im christlichen Drama Parsifal seinen krönenden Abschluss findet.

Und wie uns Wagner mit Hilfe Siegfrieds, Brünnhildes, Wotans und Parzivals sowie seiner revolutionär-ätherischen Musik, die ihm selbst als „Offenbarung aus einer anderen Welt heraus“ erschien, die Welt weit jenseits von Logik und Verstand erklärt, gelingen auch Steiner in seiner Wagner-Deutung immer wieder jene kühnen Imaginationen und Seelenwanderungen durch die Menschheitsepochen, für die ihn seine Anhänger bis heute so bewundern. Wagner und Steiner – das ist in den besten Momenten reine Sphärenmusik, an die prophetisch wohl Johann Wolfgang Goethe gedacht haben mag, als er seine Worte dichtete: „Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren.“

Rudolf Steiner, Die okkulten Wahrheiten alter Mythen und Sagen. Griechische und germanische Mythologie. Über Richard Wagners Musikdramen, 16 Vorträge, Unveränderte Neuauflage, Rudolf Steiner Verlag, GA 092, Herausgeber: Helmuth von Wartburg, Ulla Trapp, 198 Seiten, Gebunden mit Buchschleife, ISBN: 978-3-7274-0921-9, Euro 38,50.

 

Inhalt: Griechische und germanische Mythologie. (zehn Vorträge in Berlin): Gut und Böse / Lesen in der Akashachronik. Wolfram von Eschenbach / Sakramentalismus / Germanische Mythologie / Reinkarnation / Die Mysterien der Druiden und Drotten / Die Prometheussage / Die Argonautensage / Die Siegfriedsage / Der Trojanische Krieg Richard Wagner im Lichte der Geisteswissenschaft. Vier Vorträge in Berlin 28. März bis 19. Mai 1905 sowie je ein Vortrag in Köln am 3. Dezember 1905 (Parzival und Lohengrin) und in Nürnberg am 2. Dezember 1907 (Richard Wagner und sein Verhältnis zur Mystik)