Die Zukunft des Mars: “Schönheit bannt nahezu jeden Schrecken”

„Wir stellen uns die Zukunft gerne in Gestalt futuristischer Geräte vor. Als ich ein kleiner Junge war, so um 1960, sollte in den kommenden Jahrzehnten alles atomkraftgetrieben sein: vom Auto mit eigenem Uran-Reaktor bis zum radioaktiven Eierkocher. Unsere technologischen Gelüste malen sich dasjenige, was gerade viel Rumor macht, schlicht noch wirkmächtiger, noch grandioser aus. Momentan wären das noch potentere, noch winzigere Rechner: Ein Superquanten-Computer als Ohrstecker! Plus die immer weiter gehende medizinische Manipulation des Körpers: Nicht bloß Insulin aus dem Labor, sondern gleich eine nigelnagelneue Bauchspeicheldrüse aus der Stammzellen-Retorte.

Wie erstaunlich konservativ, eigentlich verhohlen ängstlich gerade unsere futuristischen Begierden sein können: Bitte bloß einen Batzen mehr vom Gleichen! Dabei könnten uns die vergangenen Zukünfte leicht lehren, dass es keinen geraden Anstieg hinauf zu solch imaginären Gipfeln des Gegenwärtigen geben wird.“

Viel mehr, als Georg Klein selbst zu seiner grandiosen Zukunfts-Imagination unter dem Titel „Die Zukunft des Mars“ im Nachhinein erklärt hat, muss man zu diesem Roman eigentlich gar nicht mehr sagen. Man muss ihn lesen und erleben, das schöne Deutsch genießen, in dem es vor sprachlichen Neuschöpfungen a la „Braunstein“, „Grausalbe“ und „Zappelnegern“ wimmelt.

Und sich jenseits verkopfter Interpretationsversuche auf die Szenarien der Erde und des Mars der Zukunft einlassen – nur so bekommt man eine Chance, am Ende zu erfahren, was oder wer Mockmock ist, wie es mit Porrporr und Twitwi weiter geht, warum Menschen überhaupt auf dem Mars leben – und warum selbst die mieseste denkbare Zukunftsvision für unsere Erde besser klingt als die tristen Aussichten auf dem roten Planeten, ohne Tiere, ohne Kultur, ohne Liebe und Aussicht auf Besserung. Letztlich ist es auch ein Plädoyer für mehr Zufriedenheit mit unserer Gegenwart – die im Vergleich zur apokalyptischen Zukunft nichts weniger als ein Paradies ist.

Die Story: Die Mars-Kolonisten der Zukunft brauchen keine Atemgeräte mehr. Der Kontakt zur Mutterzivilisation und ihrer einstigen Hochtechnologie ist längst abgerissen. Sie, die Nachfahren der ersten Siedler, leben in einer kargen, analphabetischen Kultur von eigentümlicher Schön- und Wildheitheit. Zurück zur Natur, sozusagen – die aber dominiert wird von einer rätselhaften Wesenheit aus den Tiefen des Marsgesteins, die an die Oberfläche des Planeten  heraufdrängt.

Auf der Erde, im Freigebiet Germania, am Westrand der chinesischen Protektorate, hat der alte Spirthoffer sein „Elektronisches Hospital“ eröffnet. Er scheint alle Geräte, die den Großen Winter überdauert haben, reparieren zu können. Der freundliche Greis heuert die sibirische Zuwanderin Elussa an, angeblich um seine Russisch-Kenntnisse aufzufrischen. Elussas kleine Tochter Alide schließt den Tüftler sofort ins Herz. Mutter und Tochter ahnen nicht, wie weit der alte Mann tatsächlich in die Zukunft plant – mit beiden als Hauptakteure und Kosmonautinnen.

Dass der Roman, gemessen an den grandiosen Marsimaginationen des ersten Kapitels, am Ende recht flott, vielleicht zu flott, zuende erzählt wird, mag auch damit zu tun haben, dass Autor Georg Klein, wie er selbst sagt, den vierten und letzten Romanteil nicht am PC, sondern „ausnahmsweise mit der Hand“ geschrieben hat. Aber man hat einen Roman eben nicht immer im Griff – manchmal hat der Roman den Autor im Griff. So sagt Klein auch: „Mockmock hat mich am Ende des dritten Romanteils überlistet und ist hinter meinem Rücken Richtung Erde gereist.“ So oder so eine Reise, die sich für den Leser lohnt. Klein war es, wie er sagt, „besonders wichtig, dass „Die Zukunft des Mars“ ein rundum schönes Buch wird. Schönheit bannt nahezu jeden Schrecken.“ Sein neuer Roman ist der Beweis.

1953 in Augsburg geboren, veröffentlichte unter anderem die Romane «Libidissi», «Barbar Rosa» und «Sünde Güte Blitz» sowie die Erzählungsbände «Anrufung des Blinden Fisches» und «Von den Deutschen». Für seine Prosa wurden ihm der Brüder-Grimm-Preis und der Bachmann-Preis verliehen; für den 2010 erschienenen «Roman unserer Kindheit» erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse.

Georg Klein, Die Zukunft des Mars, Rowohlt, 384 Seiten, ISBN 978-3-498-03534-1, Hardcover, Euro 22,95