Rudi Altig wird 75: "Ich kann den Scheiß über Doping nicht mehr hören!"
Seinen 75. Geburtstag feiert er in San Remo, wo er 1968 als erster deutscher Radprofi nicht zu schlagen war: Rudi Altig blickt auf sein bisheriges Leben als zufriedener Jubilar zurück.
Das Thema Doping
lässt ihn kalt - und bringt ihn dann doch auf die Palme.
Der Kursaal von Bad Neuenahr wird nicht wie vor
fünf Jahren aus allen Nähten platzen. Rudi Altig kehrt an seinem
Ehrentag dem Trubel den Rücken und zu seinen Wurzeln zurück. Der
erste Star des deutschen Radsports feiert seinen 75. Geburtstag am
Sonntag mit alten Rennfahrer-Kumpels nach dem Frühjahrs-Klassiker
Mailand-San Remo an der Riviera. «Zuerst zum Start nach Mailand, dann
mit dem Auto zum Ziel, dann über die Côte d'Azur zurück - den 80.
feiere ich dann wieder groß», meinte ein zufriedener Jubilar im
Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.
Altigs großer Rückhalt ist sein intaktes Familienleben. «Mehr als
drei Tage lässt mich meine Frau nicht weg», sagte der rüstige Rentner
vor seiner Geburtstagssause, bei der er sich vor allem auf ein
Wiedersehen mit Lucien Aimar, dem französischen Tour-de-France-Sieger
von 1966 freut.
«Alles prima, bestens, komme gerade von einer Untersuchung in
Freiburg», erzählte der Ex-Sprinter, der in den 90er Jahren eine
Magenkrebsoperation überstand, wenige Tage vor seinem Geburtstag.
«Wer es nicht weiß, merkt es gar nicht, dass ich da ein bisschen
eingeschränkt bin und manchmal nur kleine Portionen essen kann»,
sagte Altig, der regelmäßig Golf spielt, ab und an noch auf dem
Fahrrad sitzt und am Abend seinen «Roten» trinkt.
Seit 1966 wartet Altig darauf, dass ein deutscher Radprofi in
seine Fußstapfen als Straßen-Weltmeister tritt. Mit 18 Tagen im
Gelben Trikot bei der Tour de France hält er noch immer den
einheimischen Rekord vor Jan Ullrich und beherrscht als Yoga-Übung
zur Wirbelsäulen-Entlastung auch noch immer den Kopfstand: «30
Minuten kein Problem - aber nicht mehr so oft.»
Der Sportler des Jahres 1966 ist vielleicht auch deshalb immer
noch so populär, weil der aus einfachen Verhältnissen stammende
Mannheimer sein Herz auf der Zunge trägt. Allerdings sorgte seine
geringe Diplomatie-Begabung immer mal wieder für heftigen Gegenwind.
Ausgerechnet im Jahr des bis dato größten Tour-Skandal 1998 sprach er
sich in der ARD
für eine Doping-Freigabe aus. Das - und seine damals
nicht so gern gehörte Kritik am Telekom-Rennstall - kostete ihn den
Job als TV-Experte. Bei der Straßen-WM 2007 in Stuttgart galt das
deutsche Radsport-Idol den Offiziellen um Bürgermeisterin Susanne
Eisenmann gar als unerwünschte Person.
Die Erwähnung seines Spitznamens aus aktiven Zeiten - «Radelnde
Apotheke» - ringt ihm ein müdes Lächeln ab. Der direkte Bezug zum
immer aktuellen Thema Doping bringt ihn aber auf die Palme. «Ich kann
den ganzen Scheiß nicht mehr hören!», erregte sich Altig, der 1969
bei der Tour des Dopings überführt worden war und sich 1966 beim
belgischen Klassiker Flèche Wallonne einer Kontrolle entzogen hatte.
«Ich weiß, was ich gemacht habe. Mit Doping hatte das nichts zu
tun. Wir haben gut trainiert, viel geschlafen und gut gegessen, und
wenn wir Kopfweh hatten, gab's vom Arzt eine Tablette. Das machten
doch alle so. Doping ist, wenn man Blut panscht. Außerdem betrifft
das den gesamten Sport und nicht immer nur die Radfahrer», schimpfte
der Ex-Sprinter.
Zum Ende des Jahres wird er wohl wieder als Fachmann im Fernsehen
auftreten. Bei «arte» soll ein mehrteiliger Beitrag über einen
Radwanderweg, der von den Shetland-Inseln über Belgien und die
Niederlande nach Norddeutschland führt, gesendet werden. «Den soll
ich zusammen mit Jeannie Longo abfahren, da sind wir 20 Tage
unterwegs», erzählte Altig, der bis zu seinem Rücktritt 1971 acht
Tour-Etappen, 23 Sechstagerennen und 1962 als einzige große Rundfahrt
die Vuelta in Spanien gewann.
1968 war er auch in San Remo nicht zu schlagen. André Greipel
traut er am Samstag viel zu: «Wenn er in der richtigen Gruppe ist -
warum nicht.» Altig könnte zu den ersten Gratulanten zählen.
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Schlüsselwörter: Mailand Tour France Rudi Altig Doping
Bild: BANG/Cover Media/Prisa/ABC/ElMundo / Text: dpa
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