Wer um halb zwei hinfährt, wenn die Schule aus ist, fühlt sich wie in Deutschland auf dem Land: Kinder klettern auf Bäume, statt bis fünf zu pauken, haben sie den Nachmittag zum Spielen. Eltern plaudern mit den Lehrern, Häschen räkeln sich in der Sonne. Der Müll wird getrennt, es gibt Bio-Äpfel.

Für viele Eltern an der Costa Blanca ist dies der rettende Anker in einem Schulsystem, das den meisten Deutschen noch fremd ist – dem sich das deutsche System mit seinen Nachmittagsangeboten und immer früheren Einschulungen aber immer mehr angleicht.

In Spanien gehen die Kinder schon seit Jahren bis 17 Uhr in die Schule, manche ab ihrem dritten Lebensjahr. Am Abend werden Hausaufgaben gemacht. Lesen und schreiben lernt man mit fünf. Freizeit gibt es vor allem im Sommer, dann drei Monate lang. Ergebnis: In keinem Land Europas (außer England) schauen Kinder mehr Fernsehen als in Spanien, in allen PISA-Studien rangiert Spanien noch hinter Deutschland, die Schulabbrecherquote beträgt in Spanien sagenhafte 30 Prozent – in Deutschland sorgt man sich (noch) über sieben.

Videofilme im Unterricht? Hilde Koch: "Da läuft was schief"

Einen rettenden Anker brauchten vor drei Jahren auch Hilde Koch und Dieter Bialon aus Altea. Da merkten sie, dass der Unterricht ihres Sohnes Marco an der öffentlichen Schule darin bestand, mitgebrachte Videofilme zu gucken. "Da läuft was schief“, sagten sie sich und nahmen zusammen mit einer Handvoll anderer Eltern die Sache selbst in die Hand. Ein paar Hütten zwischen La Nucia und Altea wurden zur Schule erklärt, eine der Mütter, eine Holländerin, war die erste Lehrerin. 

Die kannte Pedro Monteserin, heute Schulleiter in Benidorm, aus dem Waldorf-Kindergarten in Alicante, und der war begeistert von den resoluten Eltern und überzeugte sie von der Waldorf-Pädagogik: Neben Fächern wie Mathe, Biologie oder Geschichte wird Wert auf Malen, Musik und Handwerk gelegt. Die Kinder lernen Spanisch, Englisch, Französisch und Valenciano, sie spielen Theater und singen im Chor. In Benidorm kommen die meisten Kinder aus Spanien, Deutschland, Holland und Frankreich.

Waldorf-Kinder verbringen viel Zeit in der Natur, der Gemüsegarten gehört dazu, auch im Kindergarten sind Gummistiefel Pflicht. Dreijährige werden hier nicht vor dem neuesten Disneyfilm geparkt, sie hüpfen durch Pfützen und backen Brot. Es gibt Steckenpferde und richtige Knete.

Das kreative und internationale Konzept zieht immer mehr Eltern an, mittlerweile kommen sogar prominente Eltern in die Schule nach Benidorm, darunter der Chef-Dirigent des Orchesters Valencia, Yaron Traub, der schon zusammen mit Daniel Baremboim das Philharmonic Orchestra in Chicago geleitet hat. Seine Frau Anja, Violonistin bei den Münchner Philharmonikern, gibt heute kostenlosen Musikunterricht in der Schule.

Anfangs hat es in die Hütten geregnet, Hühner pickten den Kindern in die Füße

"Der Anfang war allerdings chaotisch, es hat in die Hütten geregnet“, erinnert sich Hilde Koch, die als Choreographin für das Nationalballett in Madrid arbeitet. Marco (14) erzählt, wie ihn ein Huhn mitten im Unterricht in den Fuß gepickt hat. "Wir hatten ein richtiges Robinson-Crusoe-Gefühl“, sagt der Frankfurter Bialon, "die Kinder haben sich sauwohl gefühlt. Aber viele interessierte Eltern sind sofort wieder abgehauen, als sie die Baracken gesehen haben.“

Natürlich konnte es so nicht bleiben, schließlich wollte man keinen Abenteuerspielplatz, sondern eine Schule. Hilde und Dieter taten etwas, das ihnen heute noch selbst manchmal unfassbar scheint: "Wir haben unser Haus zur Schule umfunktioniert“, lacht Hilde, "ich weiß auch nicht mehr genau, wie es dazu kam. Aber wie wäre es sonst weiter gegangen?“ Dieter Bialon, im Hauptberuf  Osteopath und Leiter eines Zentrums für ganzheitliche Gesundheit, erinnert sich: "Wir hatten ruckzuck 40 Kinder beisammen, das Interesse an Alternativen ist riesig“.

Der Garten ist jetzt zehnmal größer als vorher

Mittlerweile findet man die Schule am Stadtrand von Benidorm, wo eine ehemalige Grundschule von Grund auf renoviert, bepflanzt und hergerichtet wurde. Der Garten ist jetzt rund zehnmal so groß wie vorher. Dabei ist die Schule eigentlich erst ein "Verein zur Förderung der Waldorf-Pädagogik", von der Behörde wurde man zum Schulprojekt ernannt, die Ernennung zur offiziellen Schule steht kurz bevor.

In Deutschland gibt es 190 Waldorfschulen, in Europa 630, in Spanien drei: Madrid, Barcelona und Benidorm. Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart als Betriebsschule der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria gegründet. Schulleiter war Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie-Bewegung.

Leitidee: Stärkere helfen Schwächeren, um dadurch selbst zu profitieren. Dies wird heute von Experten gegen die Bildungsmisere empfohlen. Nach dem schlechten Abschneiden Deutschlands in den PISA-Studien erleben die Waldorfschulen starken Zulauf. Mehr Informationen im Web? Bitte hier klicken!