Wagner versus Verdi? Auf der Suche nach Carmen! “Alle Menschen und Völker sollten sich lieben”

Kann man an den beiden Meister-Komponisten tatsächlich das Nord-Süd-Gefälle in Europa veranschaulichen, wie es in diesem Jahr in so vielen musikalischen „Schlachten“ versucht worden ist: Wagner vs. Verdi – als wäre es ein Boxkampf zwischen Max Schmeling und Joe Louis?

Für Marketinzwecke mag das angehen, das Publikum mag schließlich knackige Schlagzeilen. Im wahren Leben geht das sicher nicht. Das zeigt die Doppelbiographie „Wagner und Verdi“ von Eberhard Straub. Denn das Jahrhundertporträt trägt nicht umsonst den Untertitel „Zwei Europäer im 19. Jahrhundert“.

Für nationale Zwecke lassen sich die beiden Genies nämlich höchstens missbrauchen. So konstatiert Straub über Verdi: „Er interessierte sich weniger für Italiener als für wahre, wirkliche Menschen, um mit ihren Widersprüchen das zu veranschaulichen, was Richard Wagner das „Allgemeinmenschliche“ nannte. Beide Komponisten wurden wie magisch vom „lateinischen“ Paris angezogen, wo man als Komponist zu triumphieren hatte, wenn man etwas gelten wollte.

DEBATTE: Lateinisches Reich gegen Deutschland? „Krisengerede enteignet die europäischen Bürger“

Zu Wagner heißt es: „Alle Menschen, auch alle Völker sollten in Liebe vereint sein. Der Nationalismus erweiterte sich mühelos zu einer sämtliche Europäer umfassenden Mitmenschlichkeit, zu einer Idee vom Jungen Europa. Eine Begeisteruing für die gegen Russland aufbegehrenden Polen war gerade in Sachsen sehr lebendig. Richard Wagner schrieb eine Polonia-Ouvertüre.“

Das gilt auch für Wagners Spätwerk. Zu seiner Affinität zum lateinischen Kulturraum heißt es später: „Siegfried, das siegende Licht, ist auch Apoll, wie dieser ein Schlangen- und Drachentöter.“

Und: Zu Wagners persönlichen Lieblingsopern (und er mochte die wenigsten Werke seiner Konkurrenz) gehörte ausgerechnet Bizets „Carmen“, das er sich 1875 in Wien gleich zweimal anschaute. Seine Frau Cosima bestätigte, dass Wagner Carmen „mehr als nur interessant“ fand.

Geschickt und anschaulich zeigt der Historiker, Journalist und Buchautor.Straub in den Lebenswegen der beiden Musikgenies die Hoffnungen und Brüche des 19. Jahrhunderts wie auf einer Opernbühne. Auf verschiedene Weise revolutionierten beide das Genre der Oper und führten das Musiktheater auf einen seither nicht mehr erreichten Zenit. Die Schauplätze sind die Stadtgesellschaften des bürgerlichen Zeitalters: Leipzig und Dresden, Mailand, Wien, Bologna, Bayreuth, Venedig und vor allem Paris, die Kunstmetropole, auf die Wagners und Verdis Ambitionen gerichtet sind.

Natürlich waren sie Konkurrenten im Kampf um die Gunst des Publikums. Doch erst die Nachgeborenen brachten Deutschtum gegen Italianità in Stellung und konstruierten künstlerische Gegensätze zwischen Harmonie und Melodie oder Tiefsinn und Leichtigkeit. Und auch die Legende, die die beiden Komponisten zu glühenden Nationalisten machte, hat dann erst die Nachwelt gestrickt.

(Eberhard Straub, Wagner und Verdi, Verlag Klett-Cotta, 3. Aufl. 2013, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 8-seitiger Tafelteil mit s/w und farb. Abbildungen. ISBN: 978-3-608-94612-3, Euro: 24, 95)