Verschwundene Reiche: Strathclyde, Aragon – und das Königreich der Nackten und der Hungernden

„Wir Briten, die wir in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein behütetes Leben führten … riskieren heute einen Zustand des Selbstbetrugs, der uns vorspiegelt, unsere Lage noch immer so gut, unsere Institutionen unvergleichlich, uns Land irgendwie ewig.“

Dass dem nicht so ist, war dem Historiker Norman Davies schon als Jugendlicher aufgegangen – schließlich trägt er einen dezidiert walisischen Namen. Er kennt sich also mit untergegangenen Reichen aus. Jetzt verdanken wir ihm ein ganzes Buch voller verschwundener Reiche – eine ganze „Geschichte des vergessenen Europa“, die er, wie er selbst sagt, in der Art von „Ökologen und Naturschützern“ in Angriff genommen hat, „die sich um bedrohte Arten kümmern.“ Denn das sind untergegangene Reiche zweifellos – schließlich kann sie der Historiker oder Verlag von heute schlecht heranziehen, um damit die Glorie der aktuellen und auflagenträchtigen Supermächte zu erklären. Und wer will schon mit den Verlierern der Geschichte in einem Atemzug genannt werden … The Winner takes it eben all …

Davies erzählt in der Tradition der belesenen, aber dennoch unterhaltsamsten angelsächsischen Historikerzunft zum Beispiel von Alt Clud, dem einstigen Königreich Strathclyde, das heute als Dumbarton sein trauriges Dasein als heruntergekommener Landstrich in Schottland fristet. Oder vom einstigen Mittelmeerreich Aragon, das zwischen 1137 und 1714 ein globales Imperium begründete, heute aber eine Region mehr im Wirtschaftskrisen-Land Spanien darstellt.

Wir erfahren von Galizien, dem „Königreich der Nackten und der Hungernden“, von der Eintages-Republik Ruthenien, vom Reich des Schwarzen Berges in Montenegro – aber auch vom endgültigen Verschwinden der früheren Weltraummacht UdSSR – die 1990 untergegangene DDR hat es dagegen leider nicht in die Hitliste von Davies geschafft, dafür immerhin das 1945 abgeschaffte Preußen.

Ärgerlich nur, dass sich in das mehr als 900 Seiten starke, weltweit gefeierte Meisterwerk auch einige für Spanien-Laien verwirrende Unkorrektheiten eingeschlichen haben. So heißt es im Kapitel über Aragon, das moderne Katalonien verlaufe „an der Costa Brava entlang, vorbei an Barcelona und der Costa Dorada bis zur Provinz Valencia“. Das hätten sie denn gerne, die Katalanen (einige wenigstens), die wieder mehr denn je vom eigenen großkatalonischen Imperium träumen und dabei auch die nördlich von Valencia gelegene „Provinz Castellon“ liebend gerne eingemeinden würden – die allerdings liegt einstweilen immer noch in der „Autonomen Region Valencia“, die „Provinz Valencia“ nach Katalonien hin beschützend. Unlautere Absicht muss man Davies aber nicht unterstellen. Denn auch Katalonien wird als „Provinz“ bezeichnet. Was auch diese schöne, stolze und autonome Region weder ist noch sein will.

Fazit: Weltliche Reiche kommen und gehen – und sicher ist nur eins: Auch die heutigen mächtigsten Staaten der Welt werden in gar nicht allzu ferner Zukunft in einem Buch über verschwundene Reiche stehen. Vielleicht sogar Spanien und Katalonien.

Norman Davies, Verschwundene Reiche. Die Geschichte des vergessenen Europa, Verlag Theiss, 958 Seiten mit 82 Abbildungen und 74 Karten, Gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-8062-2758-1, EURO 39,95