Haben eine schlampige Justiz und ein zu nachgiebiges Rechtssystem den Tod von Mari Luz auf dem Gewissen? Zumindest gab es "unglaubliche Versäumnisse" auf Seiten der spanischen Justiz, so die Zeitung El Mundo.

Denn der vermeintliche Mörder der kleinen Mari Luz aus Huelva hatte vor zehn Jahren seine eigene, damals fünf Jahre alte Tochter sexuell missbraucht – und bis heute seine Haftstrafe, zu der er verurteilt worden war, nicht angetreten.

Der Mann wurde einfach nicht verhaftet, so die spanische Zeitung El Mundo, und das zuständige Gericht versäumte es, mit geeigneten Mitteln nach ihm suchen zu lassen. Ein Haftbefehl oder eine Fahndung wurden nie ausgeschrieben, lediglich eine Überprüfung des Aufenthaltsortes angestrengt. Nachdem diese erfolglos blieb, wurde die Sache offenbar zu den Akten gelegt.

Berufungsurteil erst nach drei Jahren – in der Zwischenzeit wurde Santiago V. noch einmal zum "Ersttäter"

Zwei Jahre und neun Monate sollte Santiago V. absitzen, im Jahre 2002 war er dazu verurteilt worden. Nachdem er zunächst in Berufung gegangen war, wurde das Urteil im März 2006 – nach mehr als drei Jahren! – bestätigt. Danach war Santiago V. unauffindbar – wenigstens für die spanische Justiz.

Der Skandal: In der Zwischenzeit war Santiago V. erneut wegen sexueller Nötigung zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Weil das Urteil aus dem Missbrauch seiner Tochter noch nicht rechtsgültig war und er die neue Tat gestand, kam er als Ersttäter mit einer milden Strafe davon. Die Frage, die nun auch der Regierung in Madrid gestellt wird, lautet: Gilt Kinderschändung in Spanien als Kavaliersdelikt?

Regierung: Die Polizei wusste von nichts – kein Kommentar zur Justiz

Der andalusische Regierungsvertreter Juan José López Garzón gab zu Protokoll, dass die Polizei bis zuletzt nichts von den bereits gefällten Urteilen gewusst habe – sonst, so Garzón, hätte sie ja zugegriffen. Kommentar der El Mundo: "Das ist unglaublich." Die Justizpannen wollte der Regierungsvertreter nicht kommentieren.

Marl Luz‘ Eltern brachen bei Santiago V. ein – alle wussten über sein Sexualleben Bescheid

Noch unglaublicher mutet an, was laut El Mundo nach dem Verschwinden von Mari Luz am 13. Januar geschah: Noch am Abend des 13. Januar brachen die Eltern von Mari Luz in der Wohnung von Santiago V. ein, um nach ihrer Tochter zu suchen – in dem Wohnviertel wussten alle Nachbarn über die sexuellen Neigungen des Mannes Bescheid.

Santiago V. selbst rief die Polizei an, weil er sich bedroht fühlte. Erst jetzt hörte die Polizei den Namen Santiago V. zum ersten Mal. Als die Beamten ihn am folgenden Morgen verhören wollten, war er geflüchtet – wohl vor allem aus Angst vor seinen Nachbarn. In Cuenca wurde er schließlich entdeckt und verhaftet. Der Regierungsvertreter dazu: "Santiago V. war immer unser Hauptverdächtiger, es war leicht, ihn zu verhaften."

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Lynchjustiz befürchtet: Steine und Flaschen wurden gegen den Verdächtigen geworfen

Rund 600 Menschen – darunter die Großmutter der toten Mari Luz –  warfen am Donnerstag Steine und Flaschen und schrien "Mörder", als  Santiago V. und seine Schwester, die ebenfalls in den Fall verstrickt sein soll, in ein Gerichtsgebäude in Huelva geführt wurden. Ein Kameramann und ein Journalist wurden dabei verletzt, zwei Polizeiautos beschädigt. Der Verdächtige war nach seiner Verhaftung in Cuenca dorthin überführt worden, die Polizei hatte die Szenerie mit Gittern abgesperrt.

Santiago V. und seine Schwester wurden in Haft genommen, auch zu ihrem eigenen Schutz. So oder so wird Santiago V. im Gefängnis bleiben: Die zuständige Richterin erklärte dem Mann, dass er nun endlich seine alten Haftstrafen abzusitzen habe.

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