Terror in Madrid: 191 Tote, 1.900 Verletzte, bis heute unvergessen! “11-M gibt weiter Rätsel auf”

Innerhalb von wenigen Minuten explodieren zehn Bomben in vier voll besetzten Madrider Pendlerzügen. Ganze Waggons werden in Stücke gerissen. 191 Menschen sterben bei der schlimmsten Terroraktion in der Geschichte Spaniens, fast 1900 werden verletzt. Die Anschläge einer islamistischen Terrorgruppe an diesem Dienstag (11. März) vor zehn Jahren ereigneten sich genau zweieinhalb Jahre nach dem 11. September in den USA und drei Tage vor Parlamentswahlen in Spanien. Diese führten zu einem überraschenden Sieg der Sozialisten von José Luis Rodríguez Zapatero.

Zehn Jahre nach dem «11-M», wie die Bombenserie in Spanien genannt wird, erinnert an den Orten den Terrors nichts mehr an den Schrecken von damals. In den Bahnhöfen Atocha, El Pozo und Santa Eugenia herrscht Berufsverkehr wie eh und je. Kein Schild weist im Atocha-Bahnhof auf die Gedenkstätte für die Opfer hin. Im Retiro-Park wurde ein «Wald der Erinnerung» für die Toten angelegt, aber die Besucher finden in der Anlage keinen Hinweis darauf, was es mit den angepflanzten Bäumen auf sich hat.

Die Hinterbliebenen fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. «Wenn die (baskische Terror-Organisation) ETA die Anschläge verübt hätte, wären wir als Opfer erster Klasse behandelt worden», sagte die Präsidentin einer Hinterbliebenen-Vereinigung, Pilar Manjón, der Nachrichtenagentur dpa. «Man überließ uns unserem Schicksal und tat nichts für uns.» Manjón hatte ihren 20 Jahre alten Sohn bei den Anschlägen verloren.

Am Tag nach den Madrid-Attentaten hatten Millionen Spanier einträchtig gegen den Terror demonstriert. Aber die Anschläge rissen wenig später eine Kluft in der spanischen Gesellschaft auf. Die Linke legte dem damaligen konservativen Ministerpräsidenten José María Aznar zur Last, Spanien zu einem Ziel des islamistischen Terrors gemacht zu haben, weil er das Land gegen den Willen der Bevölkerung in den Irak-Krieg geführt habe. Die Rechte hielt dem Sozialisten Zapatero vor, damals im März 2004 nur dank der Bombenanschläge an die Macht gekommen zu sein.

Die Anschläge machten auf dramatische Weise deutlich, dass die spanischen Sicherheitskräfte die Gefahr des islamistischen Terrors unterschätzt hatten, weil der Kampf gegen die ETA im Mittelpunkt stand. Nach der Explosion der Bomben in den Madrider Zügen machte die Aznar-Regierung zunächst die ETA für das Blutbad verantwortlich, was sich bald als falsch erwies.

Die Polizei hatte, wie das Gerichtsverfahren über die Anschläge offenbarte, Hinweise von Informanten auf ein islamistisches Terrornetz nicht ernst genommen. Die verschiedenen Polizeikräfte und der Geheimdienst hatten aneinander vorbei gearbeitet, und eine der wichtigsten Figuren der Terrorzelle hatte sich aufgrund eines Justizirrtums auf freiem Fuß befunden.

Die Bomben wurden nicht von Selbstmordattentätern, sondern mit Hilfe von Handys gezündet. Die Ermittler kamen den Bombenlegern rasch auf die Spur. Dazu trug auch die Analyse eines Sprengsatzes bei, der bei den Anschlägen nicht detoniert war. Die Polizei machte die mutmaßlichen Terroristen in der Vorstadt Leganés ausfindig. Die sieben Männer sprengten sich in die Luft, als ihre Wohnung von Sicherheitskräften umstellt war.

2007 wurden in einem «Jahrhundertprozess» 21 Angeklagte, die ebenfalls an den Anschlägen beteiligt waren, zu Haftstrafen zwischen drei und mehr als 40 000 Jahren verurteilt. Die meisten Strafen wurden ein Jahr später in einem Berufungsverfahren bestätigt.

Spanien war damit der erste Staat der westlichen Welt, der ein komplettes Terrornetz aus dem Umkreis von Al-Kaida vor Gericht gestellt und abgeurteilt hatte. Allerdings ließen die Urteile eine wichtige Frage offen: Wer hatte die Anschläge geplant und organisiert? «Viele Spanier haben den Eindruck, als wäre der „11-M“ das Werk von ein paar Zuwanderern aus dem Maghreb und von Kleinkriminellen gewesen, die der Irak-Krieg zu islamistischen Gotteskämpfern gemacht hat», sagte der Terrorismus-Experte Fernando Reinares der Zeitung «El Periódico». «Aber das ist falsch.»

Die Madrid-Anschläge seien ursprünglich von einer Al-Kaida-Gruppe in Pakistan als Rache für die Zerschlagung einer Zelle in Spanien geplant worden, sagte der Autor einer Studie über den «11-M». Terroristen aus Staaten in Nordafrika hätten sich dem Projekt später angeschlossen. «Das Datum des 11. März wurde festgelegt, bevor in Spanien die Wahl für den 14. angesetzt wurde.»