Stolz oder Schande? 498 “Märtyrer” selig gesprochen

Eine Gruppe Demonstranten erklärte, “wer gemordet, gefoltert und seine Mitmenschen ausgebeutet habe, kann nicht selig gesprochen werden”. Sie protestierten gegenüber der Kirche San Eugenio, wo sich die sterblichen Überreste von Josemaría Escrivá de Balaguer befinden, dem Gründer der spanischen ultrakonservativen Bewegung Opus Dei.

Am Sonntag waren fast 500 Opfer religiöser Verfolgung aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges selig gesprochen worden. Die meisten von ihnen sind 1936 von “den Linken” getötet worden, Anhänger der damaligen demokratisch gewählten Regierung.

Damals standen die rechtsgerichteten Anhänger von General Francisco Franco der linksgerichteten Regierung gegenüber, gewannen den Bürgerkrieg schlieβlich und herrschten nahezu 40 Jahre lang über Spanien. Während der Franco-Diktatur wurden Tausende Linke getötet, aber auch umgekehrt waren viele Opfer zu beklagen. Francos Regierung konnte sich auf die vollste Unterstützung der katholischen Kirche verlassen, weshalb sich viele Linke von der Kirche abgewandt hatten, die sie als “verräterisch, heuchlerisch und ungerecht” bezeichneten. Viele Geistliche und Mitglieder religiöser Orden wurden von linksgerichteten Anhängern in der damaligen Zeit getötet. Was man aber auch nicht vergessen sollte – Francos Männer töteten auch Geistliche, nämlich diejenigen, die auf der linken Seite standen.

Nun wurden 498 einstige Opfer der religiösen Verfolgung von Seiten der Linken selig gesprochen, wobei der Vatikan dabei seine Bestimmung auβer Acht gelassen hatte, dass sie eigentlich ein Wunder zu Lebzeiten hätten vollbringen müssen, bevor ihnen diese Ehre zuteil kommt.

Verurteilung des Franco-Regimes

Spaniens Regierung unterdessen will noch in dieser Woche ein Gesetz verabschieden, das eine symbolische Wiedergutmachung für die Opfer aus dem Spanischen Bürgerkrieg vorsieht. Damit verurteilt Spanien unter Regierungschef José Luis Zapatero erstmalig das Regime und die Grausamkeiten der Franco-Diktatur. Kritiker haben nun verlauten lassen, der Vatikan habe den Zeitpunkt der Seligsprechungen extra so gewählt, um die spanische Regierung zu treffen. Die katholische Kirche streitet den Vorwurf ab.

Über 30.000 Personen waren auf dem Petersplatz anwesend, um die Seligsprechungen der “Märtyrer” zu verfolgen. In Spanien waren zahlreiche Menschen mit der spanischen Fahne und ähnlichen Symbolen auf die Straβen gegangen, um ihre Freude über die Seligsprechungen und ihren Stolz auf ihr Land zum Ausdruck zu bringen.