Safranskis Goethe: Kunstwerk des Lebens! “Wie Goethe sich zu Goethe machte”

Natürlich kann man trefflich darüber streiten, ob eine Biographie über Johann Wolfgang von Goethe zu wenig die Schönheit des dichterischen Werks berücksichtigt. Oder zu wenig in die Details der Farbenlehre einsteigt. Oder ob die philosophische Eigenleistung des Autors adäquat erscheint.

Natürlich hätte man erwähnen können, dass Goethe in seinen Naturbetrachtungen, zum Beispiel der Farbenlehre, keinesfalls „dilettierte“, wie das seit 200 Jahren nachgebetet wird. Wie sonst hätte Goethe Schriftsteller wie Peter Handke (und andere Künstler) genau mit der Farbenlehre inspirieren und sogar aus Schaffenskriesen führen können (wie dies Hans Höller zuletzt wieder für Handkes Werk nachwies)? Offenbar steckt ja dann doch mehr dahinter, als der oberflächliche Blick vermuten lässt.

Allerdings: An einem Geistesriesen wie Goethe, der seit mehr als 150 Jahren andere Geistesgrößen zu Interpretationen, Begeisterung und Gegenreden herausfordert (abgesehen von den vielen Detailforschungen), kann man sich auch leicht die Zähne ausbeißen. Und am Ende am eigenen Anspruch scheitern, oder schlimmer: langweilen. Genau das ist Rüdiger Safranski sicher nicht passiert. „Elegant, also süffig und zugleich präzise“ lautete daher das Fazit in der Kritik der ZEIT. Und das völlig zu Recht.

In der Tat hat Safranski, der zuvor schon erfolgreich Goethes tiefe Freundschaft zu Friedrich Schiller in Buchform packte, das Goethe-Buch für unsere Zeit geschrieben: Rüdiger Safranski nähert sich dem letzten Universalgenie aus den primären Quellen, also seinen Werken, Briefen, Tagebüchern, Gesprächen sowie Aufzeichnungen von Zeitgenossen. Natürlich nicht allen – was einfach in einem Autorenleben gar nicht möglich wäre. Wer weiß, ob Goethe heute noch sich selbst fassen könnte.

Dafür wird der Dichter, Denker und Naturforscher umso lebendiger: Ein junger Mann aus gutem Hause, dem Studentenleben zugetan und dauerverliebt, wenn auch meistens nur gefühlt, also platonisch, wird Bestsellerautor, bekommt eine gutdotierte Stellung, eckt in jahrelangen Naturforschungen mit der damals schon materialistischen Mainstrem-Wissenschaft an, flüchtet nach Italien, lebt in wilder Ehe – und bei alledem schreibt er seine unvergesslichen Werke.

Doch Goethe wollte noch mehr: Das Leben selbst sollte zum Kunstwerk werden, wie man beispielsweise beim Vergleich von Goethes Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ mit seinen Briefen ersehen kann. Safranskis Buch macht uns zu Zeitgenossen dieses Menschen und schildert eindringlich, wie Goethe sich zu Goethe gemacht hat. Und uns zu seinem Volk der Dichter und Denker.

Rüdiger Safranski, Goethe – Kunstwerk des Lebens, Hanser Verlag, Fester Einband, 752 Seiten, Preis: 27,90 €, ISBN 978-3-446-23581-6