Rudolf Steiner: Christus-Erkenntnis und Selbstlosigkeit – jenseits von Benedikt und Dan Brown

Und wie man mit der spannenden Frage nach Jesus Christus sogar Bestseller füllen kann, zeigen Autoren wie Dan Brown, denen freilich mehr am unehelichen Kind des Jesus von Nazareth mit Maria Magdalena gelegen ist als an einer wirklich konstruktiven (oder wenigstens originellen) Auseinandersetzung mit dem Thema.

Letzteres ist allerdings auch nicht mühelos zu haben, wie dies Andreas Neider in dem von ihm herausgegebenen Band „Christus-Erkenntnis und Selbstlosigkeit“  anhand des für seine Forschungen zum historischen Jesus anerkannten Theologen Klaus Berger erläutert. Der musste zuletzt eingestehen, dass man das Phänomen Jesus nicht nur mit wissenschaftlich akzeptierten Mitteln, sondern auch mystisch fassen müsse: „Die Wahrnehmung mystischer Faktizität“ trete also „gleichrangig neben Faktizität im Sinne der modernen Naturwissenschaft.“

Womit die ungebrochene Aktualität von geistigen Forschern wie Rudolf Steiner mehr als hundert Jahre nach ihrem Wirken wieder einmal recht anschaulich beschrieben wäre. Anhand von ausgewählten und kommentierten Schriften und Vorträgen Rudolf Steiners macht Neider klar, dass es die Diskussion um das wahre Verständnis eines modernen Christentums nicht weiterbringt, ganze Lebensphasen Jesu Christi einfach unter den Tisch fallen zu lassen, nur weil man dafür keine im materiellen Sinn exakten Quellen vorliegen hat – wie dies laut Neider zuletzt noch Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. mit der Kindheit und Jugendzeit Jesu getan hat.

Auch vor diesem Hintergrund ist es so verblüffend wie befreiend, vom oft als Esoteriker belächelten Anthroposophen Steiner Antworten auf Fragen zu bekommen, die sich andere Forscher erst gar nicht zu stellen trauen. Auch wenn sie mit Steiners These von den zwei Jesusknaben recht unkonventionell ausfallen.

Aber dann, so Neider, nähert sich Steiner mit seiner Erklärung des Sonnenwesens Christus, der sich bei der Taufe im Jordan in den Leib des Jesus gesenkt habe, erstaunlich genau an Kirchenväter wie Tertullian an, der bereits vor mehr als 1.800 Jahren wenigstens ahnte, wie Jesus und Christus nicht vermischt, aber verbunden waren – und damit der Menschheit den Weg wies, in Zukunft selbst über eine neue Spiritualität auch moralisch voranzuschreiten und die „Zivilisationskrankheit“ Egoismus zu heilen.

Diese aus dem tiefen Verständnis des Christus letztlich resultierende Möglichkeit des Menschen zum Selbstlosen haben moderne Forscher wie Jeremy Rifkin mittlerweile auch im Rahmen der Mainstream-Wissenschaft als Gegenpol zum allgemein anerkannten „Survival of the fittest“ entdeckt.

Sie führte unter anderem Menschen wie Raoul Wallenberg dazu, mit schwedischen Schutzpässen 1944 in Budapest rund 100.000 ungarische Juden zu retten – wofür er später von den Russen als amerikanischer Spion verdächtigt wurde und in den Gefängnissen der russischen Geheimpolizei verschwand, wo er, wie Neider schreibt, wohl 1947 ermordet wurde.

Rudolf Steiner schrieb dazu schon 1914: „Christus erkennen heißt, sich bekannt machen mit all denjenigen Impulsen der Menschheitsentwicklung, die so in unsere Seele hinein träufeln, dass sie alles, was in dieser Seele zur Selbstlosigkeit veranlagt ist, durchglühen, durchwärmen und aufrufen zum aktiven Seelensein, zur Selbstlosigkeit.“

Rudolf Steiner, Christus-Erkenntnis und Selbstlosigkeit, Andreas Neider (Hrsg.), Futurum-Verlag, 301 Seiten, ISBN: 978-3-85636-332-1, Euro 19.90