Profitgier, Chaos, Leichtsinn: “Es war nur eine Frage der Zeit”

Ein faustdicker Skandal liegt in der Luft: Schwere Vorwürfe von Gewerkschaften und Pilotenverbänden lassen nur einen Schluss zu: Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Katastrophe geschah! 

"Es wundert mich nicht, dass ein Unglück passiert ist. Es wundert mich viel mehr, dass nicht viel mehr passiert." Diese Aussage eines Iberia-Piloten über den Zustand der Spanair-Flieger wird von der Zeitung "El Mundo" zitiert.

Der Pilot will anonym bleiben, schreibt aber auch seiner eigenen Fluglinie ein schlechtes Zeugnis aus: "In den letzten Monaten hat die Qualität der Wartungsarbeiten an den Flugzeugen schwer nachgelassen."

Wie El Mundo weiter schreibt, waren die Piloten von Spanair seit langem sehr besorgt um die Sicherheit ihrer Flugzeuge.

Das geht aus E-Mails der Gewerkschaften an die Bosse von Spanair hervor. Die erste Mail, die El Mundo vorliegt, wurde schon im April 2007 geschrieben.

Fakt ist auch, dass die Gewerkschaft seit langem über schlimme Arbeitsbedingungen der Piloten und Mechaniker bei Spanair klagt. Die Fluglinie befindet sich in wirtschaftlichen Krise, schon oft drohten die Piloten mit Streik.

Personal wurde eingespart, teilweise mussten Piloten die Arbeit der Mechaniker übernehmen, so die Gewerkschaft der Piloten Sepla.

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"Ruhezeiten wurden gezielt missachtet"

Warum ist der Spanair-Flug JK5022 nach Cran Canaria kurz nach dem Start zerschellt?  Warum mussten 153 Menschen sterben? 

Die Gewerkschaft spricht  von "Organisationschaos", das Management überlaste die Besatzungen massiv. Die Geschäftsführung übe "permanenten Druck auf Crews und Wartungspersonal aus", damit diese "Normen missachten, inklusive der vorgeschriebenen Ruhezeiten".

Wie jetzt herauskam, gab es sogar eine Demo der Piloten – nur zweieinhalb Stunden vor dem Horror-Unfall in Madrid. Erst am Dienstag startete eine Spanair-Maschine mit 14 Stunden Verspätung. Die Besatzung weigerte sich zu arbeiten.

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Spanair, das der skandinavischen Fluggesellschaft SAS gehört, wehrt sich gegen den Verdacht der Fahrlässigkeit. "Alles, was wir mit dem Flugzeug getan haben, stand im Einklang mit den Regeln und Normen", so Geschäftsführer Marcus Hedblom.

Allerdings: Bei nur einem Kontrolleur auf 50 Flieger hat es Spaniens Flugaufsicht eher schwer, ihrer Arbeit wirklich nachzugehen. Ein Pilot der Spanair gegenüber El Mundo: "Das ist völlig unmöglich." Regierungschef Zapatero versprach lückenlose Aufklärung.

38 Mal wurde Spanair in diesem Jahr kontrolliert, einige Male sogar unangekündigt. Beanstandet wurde angeblich nichts.

SAS versucht seit 14 Monaten ohne Erfolg, Spanair zu verkaufen, von 62 Millionen Euro Gewinn im Jahr 2007 sank das Ergebnis laut Spiegel auf zuletzt  25 Millionen Euro Verlust seit Jahresbeginn. Das Management setzt daher auf einen rigiden Sparkurs. Zuletzt wurde beschlossen, etwa 1.000 von 3.000 Angestellten zu entlassen. 15 Flugzeuge vom Typ der jetzt havarierten Unglücksmaschine sollten abgewrackt werden.

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(Foto: Ricardo Ricote/Flickr)