Peter Handke: Versuch über den Pilznarren! “Aus dem tiefsten Erdreich himmelwärts”

„Am besten wird sein, Sie suchen sich ein stilles Fleckchen Erde. Flüstern Sie sich diesen Text vor, leise, langsam! Nur den poetisch Unmusikalischen, auch den Humorlosen, wird dabei entgehen, wie herrlich versponnen und verhuscht er ist, wie komisch, wie zart“, schrieb (Nomen est Omen) Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau – über „Versuch über den Pilznarren“, das neue Werk von Peter Handke.

Recht hat er aber: Im Zeitalter der Achtsamkeitsübungen, in dem wir nun einmal leben, zeigt Handke wieder einmal, warum seine Leser auch diesen Trend getrost überspringen können. Denn wer Handke liest und versteht, hat seine Lektion in Sachen Achtsamkeit bereits gelernt.

Das liest sich zum Beispiel so: „Alles andere, auch das sogenannte mürbste Fleisch, der frischeste der Fische, selbst Kaviar, gerade der, schmecke, verglichen mit so einem Wildwüchsling, vulgär-ordinär … Sich einlassen – und das Munden verlangsamt das Essen zum Speisen, das Speisen zum Kosten, und das Munden, Speisen, Kosten gehen über ins Beherzen und Beseelen wie, ach, gar zu selten, das Essen, das Mahlzeiten, und kraft all dessen zusammen zu guter Letzt das Herabsinken und zugleich, herrje!, seltener als selten, Pulsen der Ruhe, gepaart mit dem, weh, nur zu den heiligen Zeiten, Aufsteigen des Gottnächsten in dir und mir, lieber Leser: des bestirnten Himmels der Phantasie! Sag ehrlich: In welchem Ein-, Zwei-, Drei-Stern-Restaurant ist dir das je zugestoßen? Und ist es nicht seltsam, wie eine Nahrung aus dem tiefsten Erdreich den Kopf himmelwärts heben kann?“

2012 nahm Peter Handke mit seinem Versuch über den Stillen Ort die Reihe seiner Versuche wieder auf. Nur ein Jahr später beschließt er sie, endgültig, wie der Dichter selbst sagt, mit einem fünften und letzten erzählenden Essay, dem Versuch über den Pilznarren – worin die Pilze für den Helden der Geschichte nicht nur Passion, sondern das letzte Abenteuer, das Abenteuer an sich sind.

„’Und wieder wird es ernst!’ sagte ich vorhin unwillkürlich zu mir selber, bevor ich mich auf den Weg zu dem Schreibtisch hier machte, wo ich jetzt sitze in der Absicht, mir über die Geschichte meines verschollenen Freundes, des Pilznarren, eine gewisse – oder eine eher ungewisse – Klarheit zu verschaffen. Und weiter sagte ich unwillkürlich zu mir selber: ‚Das darf doch nicht wahr sein! Daß es sogar ernst wird beim Angehen und Niederschreiben einer Sache, welche doch wohl ganz und gar nichts Weltbewegendes an oder in sich hat’; einer Geschichte, zu welcher mir im Vorfeld (ein Wort, das einmal am Platz ist) dieses Versuchs der Titel eines jahrzehntealten italienischen Films in den Sinn kam, ich glaube, mit Ugo Tognazzi in der Titelrolle: ‚Tragödie eines lächerlichen Mannes’ – nein, nicht der Film selber, allein dieser Titel. Dabei ist die Geschichte meines ehemaligen Freundes nicht einmal eine Tragödie, und ob er jemand Lächerlicher war, oder ist: Schon das ist mir nun unklar, und wird und wird mir auch nicht klar; und wieder unwillkürlich sage und schreibe ich jetzt: ‚Möge das auch so bleiben!’“

Peter Handke, Versuch über den Pilznarren, Suhrkamp Verlag, Leinen, 217 Seiten, ISBN: 978-3-518-42383-7, 18,95 €