Peter Handke: Eine ungewöhnliche Klassik – und das Projekt eines anderen Zeitsystems

„Auf den Abhängen der Sierra de Gredos, beim Abstieg nach der Überquerung des Gebirges, stürzt ‚die Abenteurerin’ und ‚Bankfrau’ in Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos in eine Grube. Die erzählten Landschaften in Handkes Werk stellen nicht nur einen Raum von rettenden Schwellen dar, sie haben, wie die wirkliche Welt, ihre Gruben und Abgründe. Sich in diesen Welt-Landschaften bewegen, heißt der Gefahr ausgesetzt sein, einbrechen, abstürzen in die Grube fallen.“

Einbrechen, abstürzen? Vielleicht nicht zufällig wählte Peter Handke, einer der renommiertesten und kreativsten deutschsprachigen Literaten, die bergreiche spanische Landschaft für seine Vision vom Bildverlust. Was das alles außerdem mit Goethes Farbenlehre, Don Quijote, Franz Kafkas „Prozess“ und Adalbert Stifter zu tun hat, erklärt Germanistikprofessor Hans Höller in seiner Studie „Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945. Das Werk Peter Handkes“.

Und schreibt weiter zum Bildverlust: „Die Aventurera und Bankerin erlebt auf ihrem Weg durchs Gebirge, wie ihr alles bis dahin Selbstverständliche fragwürdig wird, ob es das Geld ist, die Wirtschaft, die inneren Bilder, die Landschaft, der Raum oder die Zeit. In der Welt von Hondareda, deren unscheinbare utopische Gesellschaft die ehemalige Zeit- und Geldverwerterin, die Ex-Bankfrau, kennenlernt, begegnet sie dem ‚Projekt eines anderen Zeitsystems’ als dem der Zeitvermessung und Zeitberechnung.“

Natürlich ist das nicht platt gemeint, es geht nicht darum, die klischeehafte Unpünktlichkeit und Mañana-Mentalität in Spanien zu charakterisieren. Es geht ohnehin nicht wirklich um Spanien. Aber an Zufälle sollte bei Handke ebenfalls niemand denken. Und wer schon einmal für längere Zeit in Spanien gelebt hat, wird wissen, was man unter einem „Projekt eines anderen Zeitsystems“ zu verstehen hat. Gegen die große Weltkrankheit der Depression, die Handke mit seiner Literatur der Schönheit besiegt, hilft jedenfalls eine spanische Sierra einfach besser als eine deutsche Bank.

Und darum findet man auch in Höllers Handke-Buch heitere Studien zu Flüssen, Bergen, Wolken, zu den Spatzen und zum Himmel, dem Licht und den Farben, den Geräuschen und Naturlauten, dem Schnee, den Gasthäusern und Gärten, oder dem „terrain vague“, der prekären Zwickelwelt zwischen den Straßen, Eisenbahnlinien oder den Busbahnhöfen und Vorortkaschemmen. Nicht zuletzt aber geht es in diesen Studien um Handkes Sinn für Arbeit und menschliche Würde, der das Zentrum seiner Idee des Klassischen bildet und sein Werk in ungewöhnlichen sozialkritischen Zusammenhängen neu entdecken lässt.

Hans Höller, Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945 – Das Werk Peter Handkes, Suhrkamp, EUR 17,95, Klappenbroschur, 195 Seiten, ISBN: 978-3-518-42344-8