Lindgren, Hesse, Llosa … Friedenspreis 2014 für Alexijewitsch! “Kommunismus-Krankheit ist chronisch”

Gut zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums zog die Schriftstellerin in ihrer Dankesrede eine pessimistische Bilanz. «Es gibt wenige Gewinner, aber viele Verlierer», sagte die 65-Jährige.

«Wir hatten gedacht, der Kommunismus sei tot, aber diese Krankheit ist chronisch.» Der Kommunismus haben den aberwitzigen Plan gehabt, den Menschen umzumodeln. «Es ist vielleicht das Einzige, was gelungen ist», sagte sie bitter-ironisch.

Nach der Begründung des Stiftungsrats wird Alexijewitsch als eine Schriftstellerin geehrt, «die die Lebenswelten ihrer Mitmenschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht». An der Verleihung der renommierten Auszeichnung, die mit 25 000 Euro dotiert ist, nahm auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) teil.

Alexijewitsch, die als moralisches Gedächtnis der zerfallenen Sowjetunion gilt, lässt in ihren dokumentarischen Werken die einfachen Menschen und Vergessenen zu Wort kommen. Mit Büchern über Tschernobyl, den sowjetischen Afghanistankrieg oder die verdrängte Rolle der Frauen in der Roten Armee während des Zweiten Weltkriegs ist sie zur Chronistin des Leidens geworden. In ihrem neuen Werk («Secondhand-Zeit») hat sie die Enttäuschungen der Menschen nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums offengelegt.

Auch in ihrer Rede in der Paulskirche zitierte sie viele Stimmen aus ihren Büchern. «Die Gesichter verschwinden aus meiner Erinnerung, die Stimmen aber bleiben.» Sie schreibe seit fast 40 Jahren an einem einzigen Buch, an einer russisch-sowjetischen Chronik aus Revolution, Gulag, Krieg, Tschernobyl und der Untergang der Sowjetunion. «Ich gehe zu denen, die keine Stimme haben. Ich höre ihnen zu, höre sie an, belausche sie.»

Als «Archäologin der kommunistischen Lebenswelt» würdigte Laudator Karl Schlögel die Autorin. «Als Schriftstellerin hat sie gegen die autoritären Regime im postsowjetischen Raum, nicht nur in Belarus, nichts aufzubieten als ihr Wort – beharrlich, furchtlos, ergreifend», sagte der Historiker.

Nach mehr als zehn Jahren im Ausland lebt Alexijewitsch wieder in Minsk. Ihre Werke sind dort verboten und werden über Russland – dort können sie gekauft werden – eingeschmuggelt. Die Geschichte wiederhole sich, sagte Alexijewitsch. «In meinem kleinen Weißrussland gehen Tausende junge Leute erneut auf Straße. Sitzen im Gefängnis. Und reden über die Freiheit.»

Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, bezeichnete Alexijewitsch als Schriftstellerin ganz neuer Art. Die 65-jährige habe ihre ganze Kraft dazu verwandt, «diejenigen lebendig und hörbar werden zu lassen, deren Stimmen stumm bleiben». Es könne keinen Frieden geben, wenn Menschen oder ganze Gruppen stumm gemacht würden. Alexijewitsch habe mit ihren Büchern den Opfern wieder ihre Humanität zurückgegeben.

Alexijewitsch ist die erste Frau, die die Auszeichnung seit 2003 entgegennahm. Mit dem Friedenspreis werden seit 1950 Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland geehrt. Unter den Geehrten sind große Namen wie Astrid Lindgren, Hermann Hesse, Siegfried Lenz, Mario Vargas Llosa oder Orhan Pamuk. Im vergangenen Jahr ging der Preis an den chinesischen Exil-Autor und Dissidenten Liao Yiwu.