Lateinisches Reich gegen Deutschland? “Das Krisengerede enteignet die europäischen Bürger”

Viel Unsinn war in der Folge einer These des Philosophen Giorgio Agamben erzählt worden. Dabei hatte der Italiener seine vieldiskutierte These vom „lateinischen Reich“, das sich gegen die ökonomische Dominanz des Nordens wehren solle, bereits mehrfach relativiert. Kein Kampf Nord gegen Süd also, sondern ein Miteinander. Aber kultiviert.

So erklärte Agamben in der FAZ unter anderem: „Wie könnte ich die lateinische Kultur der deutschen entgegenstellen, wo doch jeder intelligente Europäer weiß, dass die italienische Kultur der Renaissance oder des klassischen Griechenlands heute mit vollem Recht auch zur deutschen Kultur gehört, die sie neu durchdacht und sich angeeignet hat!“

Oder: „Ein Deutscher wie Winckelmann oder Hölderlin kann griechischer sein als ein Grieche. Und ein Florentiner wie Dante kann sich genauso deutsch fühlen wie der schwäbische Kaiser Friedrich II.“

Laut Agamben war das Ziel seiner Kritik war „nicht Deutschland, sondern die Weise, in der die Europäische Union konstruiert wurde, nämlich auf ausschließlich ökonomischer Basis.“

So würden nicht nur die spirituellen und kulturellen Wurzeln der Europäer ignoriert, sondern auch die politischen und rechtlichen. Agamben: „Wenn eine Kritik an Deutschland herauszuhören war, dann nur, weil Deutschland aus seiner dominierenden Position heraus und trotz seiner außergewöhnlichen philosophischen Tradition momentan unfähig erscheint, ein Europa zu denken, das nicht allein auf Euro und Wirtschaft beruht.“

Im Gegensatz zu den Asiaten und Amerikanern, die Geschichte entweder als starres Ritual (Japan) begreifen oder sie gar nicht erst kennen (USA) plädiert Agamben deshalb für eine europäische Union des historischen Bewusstseins. Und ist sofort beim „Wir-Gefühl“ des alten Kontinents: „Vergangenheit bedeutet für uns nicht nur Kulturgut und Tradition, sondern eine anthropologische Grundbedingung…Europa hat zu seinen Städten, seinen Kunstschätzen, seiner Landschaft einfach eine besondere Beziehung. Hieraus besteht Europa recht eigentlich.“

Auch das ewige Gerede von der „Krise“, mit dem seit Jahren Groß-Banken gerettet, aber Kredite an unternehmerische Individuen abgelehnt werden, will Agamben nicht mehr gelten lassen. Sein Fazit: „Heute ist die Krise zum Herrschaftsinstrument geworden. Sie dient dazu, politische und ökonomische Entscheidungen zu legitimieren, die faktisch die Bürger enteignen und ihnen jede Entscheidungsmöglichkeit nehmen. Die europäischen Bürger müssen sich klarmachen, dass diese unendliche Krise – genau wie der Ausnahmezustand – mit der Demokratie inkompatibel ist.“

Dass Europa mehr ist als „die Krise“ und „der Euro“ will Spaniens Allgemeine Zeitung im Bücherherbst 2013 mit einer Reihe von Buchpräsentationen deutlich machen, die weniger zum Thema selbst geschrieben wurden, sondern mühelos in allen möglichen Themenfeldern zeigen, wie nah sich „die Lateiner“ und „die Nordlichter“ wirklich sind. Und das seit Jahrhunderten.