Krim-Krise: Hysterie schadet Europa! “Spanien, Frankreich und Großbritannien auf dem Tisch”

«Die mediale Hysterisierung mit Aufschreien wie „Steht schon der Krieg vor unserer Haustür“ kann eine krankhafte europäische Stimmung produzieren», sagte Konrad am Freitag der Nachrichtenagentur dpa. Es drohe eine nichtrationale Analyse der Lage. Konrad zog Parallelen zur Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg. Die Gefahr eines Krieges auf der Krim sehe er aber nicht.

Kritik übte Konrad, der am Sonntag in Kiel die Buber-Rosenzweig-Medaille erhält, an der «nebulösen russischen Militäraktion auf der Krim, die beendet werden muss». Zugleich kritisierte er das Parlament in Kiew, das die ukrainische Sprache zur einzig legitimen im Land erklärt habe. Denn so würden die Bürger- und Freiheitsrechte von anderen kulturellen Identitäten im Land, etwa der Russen wie der Ungarn, beschnitten.

«An erster Stelle müssen die persönlichen Grundrechte jedes Menschen stehen, so wie im Grundgesetz der Bundesrepublik», sagte Konrad. Die nationale und politische Souveränität – auch der Ukraine – habe sich diesen Rechten unterzuordnen. «Es ist kein sakrosanktes Dogma, dass heute alle Staatsbürger der Ukraine unterworfen sind», sagte Konrad. Und sollte es zu einem Trennungsreferendum kommen, «dann sind alle Menschen auf der Krim Moskau unterworfen: Beide Alternativen sind unmenschlich und blöd», meinte Konrad.

Als mögliche politische Lösung nannte Konrad eine doppelte Staatsbürgerschaft. Ein Referendum auf der Krim über einen Anschluss an Russland hält Konrad derzeit für nicht notwendig und sinnvoll wegen der aufgeheizten Lage. «Prinzipiell finde ich ein Referendum aber nicht rechtswidrig.» Es könnte vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt in einer ruhigeren Lage stattfinden. Voraussetzung seien aber kluge, genaue Fragen. «Wenn die Fragen eines Referendums nicht konsensual sind, dann wäre es irreführend», sagte Konrad.

Die Europäische Union und die Großmächte USA und Russland müssen nach Ansicht des überzeugten Europäers «irgendwie nachdenken über die Gebiete, wo Minderheiten miteinander leben und verschmolzen sind». Es gehe darum, die Doppel-Staatsbürgerschaft in solchen Gebieten zu legitimieren. Dabei verwies Konrad auch auf ethnische und separatistische Strömungen in West- und Südeuropa, etwa in Spanien, Frankreich und Großbritannien. «Das sind alles Fragen, die auf dem Tisch sind. Es ist ein Glücksfall, dass wir die Europäische Union haben, weil die Völker nicht Angst haben müssen vor militärischen Besatzungen und Kriegsgeschehen.»

Zu den Motiven des russischen Präsidenten meinte Konrad, Wladimir Putin wolle keine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine. «Wenn ich Nato-Generalsekretär wäre, dann würde ich dies nicht anstreben.» Eine Hysterisierung der Politik und der politischen Öffentlichkeit in Europa wäre die Folge. Politiker und Machthaber fühlten dann einen Druck, sie müssten harte Worte benutzen. «Gibt es dann noch eine unterstützenden Öffentlichkeit, kann die politisch-ideologische Eskalation ziemlich gefährlich sein.» So sei es zum Beispiel schon vor 100 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gewesen – mit 20 Millionen Toten. Die Menschen seien damals «für unvernünftige, undefinierte Ziele» gestorben.