Kindesmissbrauch, Vergewaltigung: “Viele Täter sind hoch respektierte Mönche”

Die lokale Boulevardpresse druckte ein paar Fotos vom Tatort. Ansonsten blieb der öffentliche Aufschrei aus. Ein missbrauchtes, totes Kind reicht in Kambodscha nicht zum Skandal.

   Nach Angaben von Menschenrechtlern nehmen die sexuellen Übergriffe auf Kinder zu. Allein in den ersten sieben Monaten des Jahres wurden 116 Fälle von Kindesmissbrauch bekannt, wie Zahlen der Polizei und der Hilfsorganisation Adhoc zeigen. Und das sind nur die gemeldeten Fälle. In einer Befragung der Vereinten Nationen von 2000 kambodschanischen Männern gab jeder Vierte zu, schon einmal vergewaltigt zu haben. 300 Befragte sagten, sie seien zum Zeitpunkt selbst noch keine 15 Jahre alt gewesen. Viele Täter sind der Studie zufolge hoch respektierte buddhistische Mönche.

  Über die Ursachen der ausgeprägten sexuellen Gewalt, gerade gegen Kinder, sind sich Polizei, Politiker und Hilfsorganisationen uneinig. Bürgerrechtler sehen eine Mitschuld im korrupten Justizsystem. Das beginne beim Umgang mit Opfern, die von der Polizei häufig wie Verdächtige behandelt würden, kritisiert die Rechtsberaterin Ly Vichuta, die Frauen und Kindern Justizhilfe gibt. Eltern von Opfern könnten sich zudem eine Anzeige oft gar nicht leisten, erklärt die Frauenrechtlerin und ehemalige Ministerin Mu Sochua. Die Polizei verlange manchmal Schmiergeld, um überhaupt zu ermitteln. Besonders schlecht vor Übergriffen geschützt seien arme Kinder auf dem Land. «Sie wachsen im Reisfeld auf, gucken nach dem Vieh, unter geringer elterlicher Aufsicht», sagt Mu Sochua.

  Wird einem Täter der Prozess gemacht, erwarten ihn bis zu 15 Jahre Gefängnis. Das passiert aber nicht oft. Laut einem Bericht von Bürgerrechtsgruppen aus dem Jahr 2011 wird im Schnitt nur ein Prozent der Täter strafrechtlich verfolgt. In den meisten Fällen wird die Angelegenheit außerhalb der Gerichte erledigt. Der Täter – sofern bekannt – bietet den Eltern des Opfers eine finanzielle Entschädigung an, erklärt der Anwalt Sok Sam Oeun vom Cambodian Defenders Project.

   Die Polizei begründet die zunehmende sexuelle Gewalt oft mit einem allgemeinen Werteverfall der eigentlich konservativen Gesellschaft. Billiger Alkohol und Bars, in denen Gewaltpornos liefen, trügen dazu bei, dass junge Männer die Kontrolle über ihre sexuellen Bedürfnisse verlören. Ly Vichuta glaubt nicht an die Porno-These. Beim Missbrauch gehe es vor allem um Macht, sagt sie. «Männer denken, dass es sie stärker macht, wenn sie kleine Kinder vergewaltigen – weil die Kinder noch Jungfrauen sind.»

   Einen Grund für eine soziale Verrohung vermuten Menschenrechtler auch im düsteren Erbe Kambodschas. Die Radikalkommunisten Rote Khmer ermordeten von 1975 bis 1979 mehr als 1,8 Millionen Menschen und zwangen Tausende zur Zwangsarbeit. Die meisten Sexualverbrecher sind heute zwar zu jung, um die Terrorherrschaft miterlebt zu haben. Manche Experten vermuten allerdings einen gesellschaftlichen Werteverfall, der immer noch nachklingt. «Hier wirken anscheinend psychosoziale Vorgänge im Zusammenhang mit Machtlosigkeit, Frustration und der Unfähigkeit, Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken», sagt David Harding, Berater der NGO Friends International. «Vielleicht wiederholen sich sogar posttraumatische Störungen.»

   Die kommunistische Schreckensherrschaft wurde kaum aufgearbeitet. Frühere Opfer und Täter leben heute oft noch Tür an Tür, ehemalige Rote Khmer sitzen weither an den Schalthebeln der Macht. Dass eine öffentliche Debatte über Vergewaltigungen bisher ausgeblieben ist, könnte auch etwas mit der geringen Wertschätzung von Kindern im Land zu tun haben, sagt Mu Sochua. «Wenn ein Kind vergewaltigt worden ist, sagt die Gesellschaft: „Und wenn schon? Es ist nur ein Kind.“» Regierungsvertreter wollten sich gegenüber der Nachrichtenagentur dpa nicht zu dem Problem äußern.