Joseph Beuys im Lenbachhaus: Picassos “Wissenschaft vom Menschen”, oder: “Jeder Transport ein Abenteuer”

Vielleicht aber auch, weil sie immer noch nichts mit Begriffen wie „soziale Plastik“ anfangen können und Anthroposophie für Ketzerei halten.

Weil sie also nichts verstanden haben – und dieses Nichts in der Regel nicht ausreicht, um das Phänomen Beuys, der in den 60er- und 70er-Jahren noch vor Andy Warhol der angesagteste Künstler der Welt war, auch nur ansatzweise zu begreifen.

Wie man sich Werk und Person von Beuys konstruktiv, liebe- und sogar humorvoll nähert, auch ohne wenig erhellende und sogar böswillig irreführende Biographien zu wälzen oder die Geschichte der Grünen zu studieren, deren Mitbegründer Beuys war, zeigt der Band „Joseph Beuys im Lenbachhaus.“

Kunst-Verleger-Urgestein und Beuys-Sammler der ersten Stunde Lothar Schirmer erzählt darin das faszinierende Zustandekommen seiner Beuys-Sammlung, die aktuell zu einer Schau von 23 erstklassigen Beuys-Werken im neu gestalteten Münchner Lenbachhaus führte. Etwa die köstliche Historie der berühmten Badewanne, deren „Fall“ Schirmer am eigenen Leib erlebte, als das Werk 1974 von einer Ausstellung in Leverkusen geputzt zurückkam – nachdem es für ein Fest des SPD-Ortsvereins Leverkusen-Alkenrath zur Kühlung des Biervorrats benutzt wurde. Am Ende einiger Prozesse standen 58.000 Mark Schadenersatz. Schirmer: „Ich denke, der Löwenanteil dieser Kosten ist bei der Stadt Leverkusen und deren Steuerzahlern gelandet. Ob dies je ein Rechnungshof geprüft hat, wage ich zu bezweifeln.“

Wunderbar plastisch auch, wie Schirmer sein „Gelose-Objekt“ von 1969 schildert: „Die Gelatinekörper haben die langen Jahre seit ihrer Entstehung recht gut überstanden. Sie sind auch heute noch in sich elastisch, was den Transport jedes Mal zu einem Abenteuer macht.“ Kunst zum Anfassen, nicht elitär, sondern demokratisch und alltäglich – und damit höchst menschlich.

Joseph Beuys eben, der im übrigen Pablo Picasso schätzte. Der hatte einst gesagt (zitiert nach Matthias Bunge, Zwischen Intuition und Ratio: Pole des bildnerischen Denkens bei Kandinsky): „Warum, glauben Sie, datiere ich alles, was ich mache? Weil es nicht genügt, die Arbeit eines Künstlers zu kennen, man muss auch wissen, warum, wie und unter welchen Bedingungen er sie schuf. Es wird sicher eines Tages eine Wissenschaft geben, vielleicht wird man sie ‚Wissenschaft vom Menschen‘ nennen, die sich mit dem schöpferischen Menschen befasst, um neue Erkenntnisse über den Menschen im allgemeinen zu gewinnen. Ich denke oft an diese Wissenschaft.“ Womit Picasso Joseph Beuys und seine letztlich anthroposophische Kunst gemeint haben könnte.

Die Texte und Fotografien werden abgerundet durch Originaltexte von Beuys zum „Krawall in Aachen“, über „Hasenblut und geistige Bedürfnisse“ oder mit einem „Gespräch über Bienen“, das erstmals 1975 in der „Rheinischen Bienenzeitung“ abgedruckt worden war.

Die neu erworbene, 1980 fertiggestellte Installation „vor dem Aufbruch aus Lager I“ bildet im Lenbachhaus mit dem Werk „zeige deine Wunde“ einen Schwerpunkt. Von Schirmer erhielt die Städtische Galerie im Lenbachhaus 15 Kunstwerke, hauptsächlich aus Beuys‘ Frühwerk, geschenkt. Zwei weitere kommen als Dauerleihgabe dazu. Der gesamte Beuys-Bestand – ein neuer Schwerpunkt in der Sammlung des Lenbachhauses – wird im alten Ateliertrakt dauerhaft gezeigt.

Joseph Beuys im Lenbachhaus und Schenkung Lothar Schirmer, Verlag Schirmer/Mosel, Mit Texten von Joseph Beuys, Helmut Friedel und Lothar Schirmer. 160 Seiten, 100 Tafeln in Farbe und Duotone. Format: 24,5 x 28 cm, gebunden, Euro 49,80.