Gewalt gegen Frauen: Spanien besser als Deutschland? “Nordeuropa kein Vorbild”

«Die Ergebnisse der Studie über Gewalt gegen Frauen in der EU sind erschreckend, aber auch überraschend. Sie zeigen, dass dieses Problem in vielen Ländern von den staatlichen Institutionen ignoriert wird. Das Überraschende an der Erhebung ist, dass in nordischen Ländern wie Dänemark oder Finnland, in denen es angeblich mehr Gleichberechtigung gibt, die Ziffern der Fälle von Gewalt am höchsten sind. 

Spanien ist unter den fünf Ländern mit dem niedrigsten Prozentsatz von weiblichen Opfern. Das zeigt, dass wir in Spanien die Gewalt gegen Frauen mit mehr Entschlossenheit und Erfolg bekämpfen. Wir betrachten die Staaten Nordeuropas gerne als gesellschaftliche Vorbilder. Aber auf diesem Gebiet sind sie es nicht.»

Fakt ist laut der EU-Grundrechte-Agentur (FRA): Jede dritte Frau in der Europäischen Union ist seit ihrer Jugend Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt gewesen. Das sind etwa 62 Millionen Frauen. Fünf Prozent davon wurden vergewaltigt. Das berichtete die EU-Grundrechte-Agentur (FRA). Mehr als 40 000 Frauen wurden zuvor in den 28 Mitgliedstaaten für eine Studie befragt. Frauen in Deutschland sind demnach von Gewalt etwas häufiger betroffen (35 Prozent), als im EU-Schnitt (33 Prozent). Viele Attacken beginnen bereits in der Kindheit.

Von sexueller Belästigung sind Frauen sogar noch häufiger betroffen: Insgesamt schätzungsweise zwischen 83 und 102 Millionen Frauen. Das sind zwischen 45 und 55 Prozent aller Frauen in der EU ab 15 Jahren. Die breite Spanne ergibt sich daraus, weil es bei den Befragten unterschiedliche Ansichten gab, ob etwa Annäherungsversuche durch Männer, sexistische Witze oder ungewollte Nacktfotos per SMS für sie bereits zu einer sexuellen Belästigung zählen.

Jede fünfte Frau in der EU wurde etwa seit ihrem 15. Lebensjahr bereits gegen ihren Willen berührt, gedrückt oder geküsst – oftmals am Arbeitsplatz von Kollegen oder dem Chef. Das betrifft Frauen aller sozialer Schichten.

Oft lauert die Gefahr für Frauen in den eigenen vier Wänden. 22 Prozent aller Befragten gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch den eigenen Partner erfahren zu haben. Die Bundesrepublik liegt hier genau im EU-Schnitt. Oft werden diese Übergriffe in Beziehungen zum Alltag. Dagegen vorzugehen, wagen sich nur die wenigsten: Viele Betroffenen sagten, sie würden sich zu sehr schämen oder seien peinlich berührt und würden deshalb nicht zur Polizei gehen. Vergewaltigungen durch Fremde würden schneller angezeigt.

«Das enorme Ausmaß des Problems verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur einige wenige Frauen betrifft, sondern sich tagtäglich auf die gesamte Gesellschaft auswirkt», sagte FRA-Direktor Morten Kjaerum.

Befragt wurden 42 000 Frauen im Alter zwischen 18 und 74 Jahren. Die Gespräche fanden 2012 persönlich statt.