Fachkräftemangel in Deutschland – Arbeitslosigkeit in Spanien

Kürzlich bezifferte die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV), eine auf Auslandsaktivitäten spezialisierte Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit, ihre Erfolge in der Vermittlung arbeitsloser Spanier: 2012 seien es 87 Personen gewesen, davon 57 Ingenieure. Bei diesen Zahlen wird sehr schnell klar, dass das Gros der jetzt neu in Deutschland lebenden Spanier damit nicht gemeint sein kann. Zum Glück unterhalten wir gute Beziehungen zur Spanischen Botschaft in Berlin. Man zählte nach und kam auf etwa 120 Projekte, die man kennt und die überwiegend auf „privater“ Basis durchgeführt wurden. Dazu gehört auch „unser“ Projekt, das zeigen soll, dass mit einer guten Portion Einsatz Vieles möglich ist.

Wir waren auf der Suche nach LKW-Fahrern. Auch das ist eine Branche, die dringend Fachkräfte sucht, dabei aber nicht jeden nimmt, der weiß, wie ein Lenkrad aussieht. Auch im Mangel sucht die Branche punktgenau und meint es mit der „Fachkraft“ ernst. Schließlich gibt es eine Reihe von Vorschriften und eine Anzahl deutscher Fernsehsendungen, die sich mit deren Übertretung ausgiebig beschäftigen. Ein LKW-Fahrer muss deshalb deutsch sprechen und Erfahrung „auf dem Bock“ mitbringen. Auf deutschen Autobahnen – das wird der geneigte Leser wissen – ist für LKW-Anfänger kein Platz.

Wir haben arbeitslose und ausreisewillige Fahrer gefunden – in Motril/Andalusien. Die Stadtverwaltung von Motril war zunächst nicht geneigt, einen Deutschkurs durchzuführen, man hatte bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Ein Vorgängerkurs – auch für LKW-Fahrer – war wegen schlechter Sprachleistungen komplett im Abschlusstest durchgefallen. Es erwies sich als vorteilhaft, in der Stadtverwaltung von Motril bereits eine Person mit exzellenten deutschen Sprachkenntnissen zu beschäftigen. Das reduzierte die Kosten erheblich und bietet sich auch für andere spanische Städte an. Es soll ja eine Reihe deutsch-spanischer Vereine geben, die nach Beschäftigung suchen. Hier wäre ein schönes Betätigungsfeld.

Nach Abschluss des dreimonatigen Kurses kamen die Spanier nach Stuttgart und wurden zwei weitere Monate sprachlich und technisch geschult. Wir haben diese kostentreibende Weiterbildung nicht aus Langeweile durchgeführt, sondern aus bitterer Notwendigkeit – mehr sei dazu nicht gesagt. Im Ergebnis konnten all diejenigen Fahrer, die das wirklich wollten, danach auch in einen Job vermittelt werden. Wir sprechen hier nicht von Dumpinglöhnen, die Entlohnung ist dem deutschen Lohnniveau angepasst, wenngleich wir dieses als insgesamt zu niedrig empfinden. Aber das gilt für die deutschen Kollegen in gleichem Maße und diese sehen das auch so.

Nach Weihnachten 2012 sind alle Fahrer wieder nach Deutschland gekommen, diesmal mit ihrem eigenen PKW, denn die Arbeitsstellen – meist auf dem Land im Gegensatz zur städtisch geprägten Bebauung Südspaniens – erfordern ein eigenes Auto, denn zu Arbeitsbeginn einer Transportgesellschaft fahren noch keine Busse. Zu den ersten Anschaffungen hier gehörten Winterreifen!

Wir versuchen, dieses System der „doppelten Bündelung“ nun auch in anderen Branchen umzusetzen. Bündelung auf spanischer Seite heißt: Man suche bevorzugt in einer Stadt, um dort genügend Bewerber für die Durchführung eines Sprachkurses zu finden. Es gibt kaum eine preisgünstigere Methode, deutsch zu lernen als im Heimatland. Doch – eine Methode fällt mir dazu noch ein, sogar kostenfrei, das wäre die Fernlehrmethode. Aber ich habe den Eindruck, Spanier mögen solche kostenfreien Angebote nicht, sonst wäre die Nachfrage größer.

Auf deutscher Seite gibt es viele kleinere Unternehmen aus dem Handwerksbereich, die schlichtweg damit überfordert sind, selbst Spanier zu suchen, möglicherweise noch mit spanisch formulierten Stellenausschreibungen, wohl wissend, dass die gesuchten Berufe in Spanien gar nicht vorhanden sind, weil es die duale Ausbildung (=Berufsschule und Betrieb) in dieser Form nicht gibt. Und deshalb gibt es auch kaum Anhaltspunkte, was man einem solchen Menschen zahlen sollte, weil das gesamte deutsche Entlohnungssystem auf der deutschen Ausbildung (Lehrling, Geselle, Meister) aufbaut.

An dieser Stelle sind die deutschen Handwerkskammern gefragt und langsam kommt hier auch etwas Bewegung in die Angelegenheit. Die HWK Villingen-Schwenningen hat 27 Stellen ausgeschrieben und über die ZAV insgesamt ca. 2000 Angebote erhalten. Eine gezielte Auswahl sieht anders aus, aber es zeigt die Bereitschaft der Spanier, ihre Zukunft aktiv in die Hand zu nehmen.

Ich bin nun gespannt, welche spanischen Städte sich für die ersten ca. 100 Stellen interessieren, die süddeutsche Handwerkskammern über uns in Spanien vergeben wollen. Ich bin sicher, wenn die erste Welle vorüber ist, dann wird die zweite Welle kommen.

Wenn Sie den Eindruck haben, Sie könnten hierzu etwas beitragen, indem Sie lokale Entscheidungsträger ansprechen oder sonstige Türen öffnen, lassen Sie mich das bitte wissen.  

Dipl.-Kfm. Jürgen Jüngel

RKW Kompetenzzentrum

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