Europawahl: Spanien kein Land für junge Leute? “Alle wollen nur noch weg”

Wenn sie die Beteuerungen der regierenden Volkspartei (PP) in Spanien hört, das einstige Krisenland werde zum Motor des europäischen Wachstums, wird Lara Hernández richtig böse: «Spanien ist immer noch kein Land für junge Leute. Die Lage zwingt uns immer noch zum Kofferpacken», schimpft sie. Die 28-Jährige weiß, wovon sie spricht. Nachdem sie die Bewegung der «Empörten» an der Puerta del Sol im Zentrum der Hauptstadt Madrid mit angeführt hatte, warf die Diplom-Philosophin vor zwei Jahren wegen fehlender beruflicher Chancen das Handtuch und zog kurzerhand – und mit leeren Händen – nach Berlin um.

Bei 56 Prozent Jugendarbeitslosigkeit sei die Lage in Spanien immer noch dramatisch, behauptet die Aktivistin. Vor ein paar Wochen kehrte sie dennoch in ihre Heimat zurück. Allerdings nicht, weil sie dank ihrer beiden Masterabschlüsse und vier Sprachen eine bessere Alternative zu ihrem Job als Verwaltungsangestellte bei einer Fremdsprachenschule an der Spree gefunden hatte. Sie wurde von der drittstärksten Kraft im spanischen Parlament, der Vereinigten Linken (IU), als Europawahlkandidatin auf Listenplatz 10 gesetzt. Mit Feuereifer macht sie dieser Tage Wahlkampf in ganz Spanien.

Seit Ausbruch der Krise 2008 und 2012 verließen nach IU-Zahlen nicht weniger als 700 000 Menschen Spanien – in der Mehrheit gut ausgebildete junge Leute. Offiziell ist «nur» von einem Drittel dieser Zahl die Rede. Die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy zeichnet ein positives Bild des Exodus, spricht von «externer Mobilität». Hernández bezeichnet den Talentschwund – auch «Braindrain» genannt – dagegen als «Drama». «Man nennt uns die verlorene Generation, für mich sind wir eher eine bestohlene Generation.» Als Uniabsolvent habe man in Spanien heute «nur die Wahl» zwischen Arbeitslosigkeit, einer schlecht bezahlten, befristeten Stelle, Schwarzarbeit oder dem Umzug ins Ausland.

Im Rahmen der Sanierungspolitik wurden in Spanien die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in fünf Jahren um rund 40 Prozent zurückgeschraubt. Die Gehälter werden immer niedriger, während die Lebenshaltungskosten ungeachtet der Krise kaum nachgeben. «Ich war in einer WG, aber nun bin ich zu meinen Eltern zurückgekehrt. Für die 400 Euro im Monat kann ich mir kaum etwas leisten», sagt Journalistin Puri (30), die sich sechs Jahre nach ihrer Diplomarbeit immer noch als Praktikantin durchschlagen muss.

«Wir wollen alle weg», erzählt ihr Freund Tomás am Cafe-Tisch. Nach einer jüngsten Umfrage denken 82 Prozent aller jungen Spanier so. Experten warnen vor schlimmen Folgen für die Volkswirtschaft. Auch im Nachbarland Portugal würden nach einer kürzlich veröffentlichten Umfrage knapp 50 Prozent aller Wissenschaftler lieber heute als morgen ins Ausland gehen – und das, obwohl das Land Mitte Mai den Rettungsschirm der EU verlässt.

Für Spanier und Portugiesen ist es wie eine Reise in die Vergangenheit. In den 1960er und Anfang der 1970er Jahre war die iberische Halbinsel Auswandererterritorium. Die Bilder von Zigtausenden sehr armen, mit Pappkoffern ausreisenden Menschen sind berühmt. Heute wandern aber die besten Köpfe ab. Sogar die in der «ersten Reihe». Erst vor ein paar Monaten nahm Spanien die Nachricht zur Kenntnis, dass mit Hirnforscher Oscar Marín (43) und Stammzellen-Star Juan Carlos Izpisúa(54) gleich zwei der namhaftesten Wissenschaftler dem Land den Rücken kehren.

Beide gaben als Grund die mangelhafte Unterstützung durch den Staat an. Das spanische System sei nicht so, «wie ein System des 21. Jahrhunderts sein sollte», klagte Marín, der vom Londoner King’s College angeheuert wurde. Die Kürzungen hatten Maríns Nationalen Wissenschaftsrat (CSIC) 2013 an den Rand des Bankrotts gebracht.

«Spanien schmeißt seine Talente hinaus», titelte die Zeitung «El País». Die spanische Statistikbehörde INE teilte jüngst mit, dass neun von zehn der 225 000 zwischen 2008 und 2012 erfassten Auswanderer mindestens ein Unidiplom haben. Die meisten gehen nach Deutschland, Frankreich und England, inzwischen versuchen aber viele ihr Glück auch in Lateinamerika oder in Afrika.

Hernández wollte dem Braindrain nicht weiter von Berlin aus zusehen. «Ich bin zurückgekehrt, um all denen, die aus Spanien vertrieben werden, eine Stimme zu geben.» Die Teilnahme an der Europawahl sei immens wichtig, warnt sie ihre Landsleute. «Die Entscheidungen, die von Europa getroffen werden, beeinflussen unser tägliches Leben.»