„Der Holocaust ist kein Musical-Thema!“

Schärfster Kritiker des Musicals über das Mädchen, das mit 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen starb, ist Anne Franks Cousin Buddy Elias. Der 82-Jährige leitet den Anne Frank-Fonds in Basel, der die Rechte an dem Tagebuch hält. „Der Holocaust ist kein Thema, aus dem man ein Musical machen kann“, begründet Elias seine Kritik. Früheren Verfilmungen und Theateradaptionen habe der Fonds zugestimmt, da sie „realistisch“ gewesen seien. Rechtlich kann der Fonds nicht gegen das Musical vorgehen, da die in Madrid geplante Aufführung nicht wörtlich aus dem Tagebuch zitiert. „Wir sind hilflos, wir können nichts dagegen unternehmen“, sagt Elias.

Der spanische Regisseur Rafael Alvero kann die Aufregung nicht verstehen. Die Idee zu dem Musical hatte er bereits vor zehn Jahren, als er in Amsterdam die winzige Wohnung besuchte, in der sich Anne Frank mit ihrer Familie nach ihrer Flucht aus Deutschland vor den Nazis versteckte. „Das hat mich damals wirklich bewegt und ich habe mir vorgenommen, die Gefühle, die dieser Ort und die Geschichte auslöst, einem Publikum nahezubringen – auf meine Art, indem ich Musik mache“, sagt Alvero.

Sein Stück trägt den Titel „Das Tagebuch der Anne Frank. Ein Lied an das Leben.“ Bei der Inszenierung für das Theater Calderón habe er sich „sehr genau“ an dem Tagebuch orientiert, das Anne Frank während der 25 Monate in ihrem Amsterdamer Versteck schrieb, versichert Alvero. 

Anne Frank-Stiftung in Amsterdam unterstützt das Musical-Projekt

Im Gegensatz zum Anne Frank-Fonds unterstützt die Anne Frank-Stiftung, die das Museum im einstigen Versteck in Amsterdam betreibt, das Musical-Projekt. „Die Produktion berücksichtigt die Botschaft der Toleranz innerhalb der Tragödie, die wir am Leben erhalten wollen“, sagt Jan Erik Dubbelman, der Chef der internationalen Abteilung der Stiftung. „Da das Musical auf Spanisch ist, kann es dazu beitragen, die Botschaft der Anne Frank in Lateinamerika zu verbreiten.“ Alvero arbeitete bei der Musicaladaption eng mit der Stiftung zusammen. So wollte er sicherstellen, die Fakten richtig darzustellen.

Ein Lied aus dem Musical wurde schon vor der Uraufführung veröffentlicht – vermutlich, um Bedenken zu zerstreuen. „Radio Querida“ („Liebes Radio“) heißt das Stück, dessen Titel auf die große Bedeutung des Radios für das eingesperrte Mädchen anspielt. „Liebes Radio, ich habe es satt, eingesperrt zu sein. Ich möchte ein Vogel sein, um zu fliegen und nicht mehr zurückzukehren“, singt die 13 Jahre alte kubanische Schauspielerin Isabella Castillo, die Anne in dem Musical verkörpert.

„Ich glaube nicht, dass wir die Geschichte verharmlost haben“, entgegnet Regisseur Alvero seinen Kritikern und verweist auf andere Musicals. Stücke wie „Les Misérables“ nach dem Roman von Victor Hugo und „Jesus Christ Superstar“ hätten schließlich auch ernste Themen behandelt.