Berlin (ots) –

Die Bevölkerung in Deutschland hat keine Berührungsängste mit der digitalen Medizin mehr. Während der Corona-Pandemie hat es einen regelrechten Boom bei der Nutzung von Gesundheits-Apps und Online-Arztsprechstunden gegeben. Im Jahr 2021 kam die Corona-Warn-App innerhalb weniger Wochen bei fast 50 Prozent der Bevölkerung auf das eigene Handy – eine Entwicklung mit einem Tempo, wie es sie nie zuvor im Gesundheitsbereich gegeben hat. Als in der Pandemie die Fitnessstudios geschlossen waren, nutzte knapp jede dritte Person einen Online-Gesundheitskurs. Jeder Zweite misst seitdem seine Gesundheit mit Smartphone, App oder Smartwatch. Schon 17 Prozent managen ihre Medikamenteneinnahme mit dem Handy. Auch nach dem Abklingen der Pandemie halten diese Trends fast unvermindert an.

Das sind die Ergebnisse der aktuellen repräsentativen Studie EPatient Survey 2022, die seit dem Jahr 2010 durchgeführt wird. Es handelt sich dabei um die bei weitem größte Bevölkerungsbefragung zur digitalen Gesundheit von 6.000 Menschen in Deutschland, die einmal jährlich durchgeführt wird.

„Die Bevölkerung in Deutschland“, so Dr. Alexander Schachinger, Leiter der Befragung, „ist bei der digitalen Nutzung von Gesundheitsangeboten weiter als die staatliche Gesundheitspolitik. Deutschland hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern dringenden Nachholbedarf. Es ist bisher nicht gelungen, eine nationale Strategie zu entwickeln, die sich zum Beispiel an den Erfahrungen von Großbritannien oder Dänemark orientiert.“ Schachinger weist darauf hin, dass der E-Health-Markt in Deutschland in hunderte Einzellösungen zersplittert ist, die nicht zentral vernetzt sind und deshalb für die medizinische Forschung nicht nutzbar sind. Sein Fazit: „Das immer wieder verschleppte Einführen einer einheitlichen IT-Infrastruktur für eine elektronische Patientenakte führt zu einem völlig fragmentierten Marktgeschehen.“

Auch der wissenschaftliche Begleiter der Studie, Professor Klaus Hurrelmann von der Hertie School Berlin, zieht kritische Bilanz: „Die deutsche Bevölkerung ist bereit für E-Health, aber die Politik liefert nicht. Wenn das so weitergeht, zeichnet sich der Ausverkauf der gesundheitlichen Vitaldaten der Bevölkerung in Deutschland ins Ausland ab. Schon heute wird der Einfluss vor allem der amerikanischen Internetkonzerne wie Google und Amazon immer stärker, weil sie sich über ihre Angebote Zugriff auf die Vitaldaten verschaffen und sich zusätzlich in Einrichtungen der medizinischen Versorgung und der Gesundheitsversicherung einkaufen.“

Weitere wichtige Ergebnisse der Studie:

Die Trendanalysen des EPatient Survey zeigen auf:

– dass der digitale Impfpass innerhalb weniger Monate von 0% auf 50% Verbreitung fand,
– dass die Online-Arztsprechstunde ebenfalls von 0% auf 16% Verbreitung fand – auch stabil bleibend nach der Pandemie.
– Das Vermessen von Bewegung, Schlaf, Stress oder Schmerzen mit digitalen Helfern führt jeder zweite durch.
– 17% nutzen regelmäßig eine Medikamenten-App und 16% scannen mit dem Handy ihr Rezept zur Online-Bestellung ein.
– Ob Online-Diagnostik, Gesundheitskurse oder die Online-Arztsprechstunde: Jeder dritte zahlt diese Leistungen ohne Erstattung aus eigener Tasche.

Aufgrund der zu komplizierten Angebotslandschaft von digitalen Gesundheitslösungen ist deren Nutzung stark vom Bildungsstand und Nettoeinkommen abhängig. So bestimmt der soziale Status in Deutschland, ob Prävention und ärztliche Beratung bei der Bürgerschaft auch ankommen. Beispiel Online-Arztsprechstunde: Bei Personen mit Abitur oder Studium wurde sie schon zu 20% genutzt, bei Personen mit Hauptschule zu 11%. Die Gesundheitspolitik lässt die Patientinnen und Patienten nicht nur mit einem Anbieterflickenteppich allein, sie akzeptiert sogar eine Versorgungsungleichheit.

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Quelle: ots