Die Schlafwandler und der Euro: Wie Europa (ohne Spanien) in den Ersten Weltkrieg zog

Und anders herum: Ist Deutschland dabei, mit seiner strengen Wirtschaftspolitik den alten Kontinent zum dritten Mal in hundert Jahren zu ruinieren, wie das Kommentatoren in Frankreich, Italien und Spanien evozieren? Kommt nach Weltkrieg  I, Weltkrieg II jetzt Weltkrieg III – der Kampf der ökonomisch Begabten Nordlichter gegen die däumchendrehenden Schuldenbuckel vom Mittelmeer? Oder ruiniert sich Deutschland aus Rücksicht auf die europäische Einigung am Ende selbst, wie Unkenrufe sagen?

Wer Christopher Clarks hervorragendes Buch „Die Schlafwandler“ liest – überraschender- wie erfreulicherweise auf Platz eins der Sachbuch-Bestellerliste – kommt bei allem Hineintauchen in die Zeit nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrundert an aktuellen Assoziationen zur Euro-Krise nicht vorbei: Damals wie heute sieht man, so beschreibt es Gustav Seibt in seiner Kritik in der Süddeutschen Zeitung, die europäischen Regierungen  unter „einem Zeitdruck, der 1914 von Rüstungsprogrammen und Aufmarschplänen ausging, den heute Verschuldungskurven und Börsenöffnungszeiten ausüben“.

Und während sich die Politik von der Wall Street und nationalen Wirtschaftsverbänden am Nasenring durch die Manege hetzen lässt, um global agierende, gierige Banken und Unternehmen zu retten, wird dem Publikum erzählt, wie wichtig es sei, für irrsinnige Milliardensummen „Zeit zu kaufen“.

Die Gegenspieler der Mainstream-Politik beruhigen das Szenario derweil auch nicht, sie treiben eher an – aber nicht mit vernünftigen Alternativen, sondern mit einem drohenden Weltuntergang, wenigstens aber dem Untergang des Euro (was für echte Materialisten, die ihr Geld in Euro angelegt haben, offenbar dasselbe ist).

DEBATTE: Lateinisches Reich gegen Deutschland? „Krisengerede enteignet die europäischen Bürger“

Dass man mit genau dieser Taktik des Getrieben-Seins dann die Katastrophe erst auslöst, vor der man warnt, zeigt Clark auf 700 spannenden Seiten anhand des Ersten Weltkriegs. Präsentiert werden auf plastische Weise die (mehr oder weniger) rund hundert Akteure in Politik, Wirtschaft, Dipolomatie und in den Königshäusern, die die Welt in der Manier von „Schlafwandlern“ erst ins Elend stürzten – mit ihren Obsessionen, Ängsten, Begierden und Defiziten.

Klar wird, zur Beruhigung der iberischen Halbinsel: Spanien war jedenfalls nicht Schuld am ersten Weltkrieg, der heute einhellig als „Jahrhunderkatastrophe“ angesehen wird, die allen Ungeheuerlichkeiten des 20. Jahrhunderts inklusive Auschwitz erst den Weg geebnet hat. Das Register des 700 Seiten starken Werks, verzeichnet genau sechs Fundstellen zu Spanien. Allenfalls geht es um Kompensationen für Gebiertsverzichte in Marokko. Sie alle haben mit der „Schuldfrage“ nichts zu tun.

Und klar wird auch: Zu jedem Zeitpunkt der diplomatischen Krise, schon weit vor dem Ausbruch des Krieges bis in die ersten Tage nach den Kriegserklärungen hinein, hätten sie allesamt die Möglichkeiten gehabt, den Krieg noch abzublasen. Dass die Welt in diesen Krieg „hineingeschlittert“ sei als wäre es ein Naturereignis gewesen, wie oft behauptet wurde, ist demnach nichts als Propaganda – genauso wie die im Versailler Friedensvertrag später festgehaltene einseitige Schuldzuschreibung an Deutschland. Ein Konsens, der im Laufe der Jahre bis heute zum Klischee geworden ist, wie Clark zeigt. Denn auch Engländer, Russen, Österreicher und vor allem Franzosen hatten Interesse an diesem Krieg, Frankreich erscheint gar als Hauptkriegstreiber.

Seibt am Ende seiner Kritik: „Es ist spannend und auch quälend, denn der Leser möchte den blinden Akteuren dieser Tragödie auf jeder Seite zurufen, was sie nun richtig machen sollten, um die absehbare Katastrophe zu vermeiden.“ Schlafwandler gibt es aber auch heute mehr als genug. Man könnte also hinzufügen: Was wohl die Menschen in hundert Jahren uns zurufen werden, wenn sie die Geschichte über die Anfänge der europäischen Einigung lesen?

(Christopher Clark, Die Schlafwandler, Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, Verlag DVA, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 896 Seiten, 15,0 x 22,7 cm, mit Abbildungen, ISBN: 978-3-421-04359-7, Euro 39,99)