Die Kindheit Jesu: J. M. Coetzee reist nach “Novilla” – und findet das Leben

Der Mann am Tor zeigt auf ein niedriges, langgestrecktes Gebäude in einiger Entfernung. »Wenn ihr euch beeilt«, sagt er, »könnt ihr euch noch anmelden, bevor sie für heute schließen.« Sie beeilen sich. Centro de Reubicación Novilla steht auf dem Schild. Reubicación – was bedeutet das? Das Wort hat er nicht gelernt. Das Büro ist groß und leer. Auch heiß – noch heißer als draußen. Ganz hinten nimmt ein hölzerner Schalter die gesamte Raumbreite ein, unterteilt durch Milchglasscheiben. An der Wand steht eine Reihe niedriger Aktenschränke aus lackiertem Holz.

Über einem der Abteile hängt ein Schild: Recién Llegados, die Wörter wurden mittels einer Schablone schwarz auf ein Papprechteck gemalt. Die Beamtin hinter dem Schalter, eine junge Frau, begrüßt ihn mit einem Lächeln. »Guten Tag«, sagt er. »Wir sind Neuankömmlinge.« Er spricht die Worte langsam aus, in dem Spanisch, das er sich mühevoll angeeignet hat. »Ich suche Arbeit, auch eine Unterkunft.« Er fasst den Jungen unter den Achseln und hebt ihn hoch, damit sie ihn richtig sehen kann. »Ich habe ein Kind dabei.« Die junge Frau streckt dem Jungen die Hand hin. »Hallo, junger Mann!«, sagt sie. »Ihr Enkel?«

Das allerdings ist der Junge namens David keineswegs, und eigentlich heißt der Junge auch nicht David. Warum Spanisch gesprochen wird ist ebenfalls ein Rätsel – wie die ganze (Science-Fiction-?-)Geschichte in J. M. Coetzees neuem und großem Roman ›Die Kindheit Jesu‹, die in der Hauptsache in einer Stadt namens Novilla spielt. Oder doch schon im Jenseits?

Denn um Jesus geht es selbstverständlich auch nicht. Zwar schart David Menschen um sich, denen der Sinn des Lebens deutlich abhanden gekommen ist, aber messianische Kraft muss er dafür nicht entfalten – er ist einfach nur da und stellt seine im Laufe des Buches immer höheren Ansprüche. Ein Buch also auch für alle Eltern, die sich wundern, warum sie (und ausgerechnet sie) mit einem herrschsüchtigen Kind gesegnet sind.

So oder so entwickelt sich ›Die Kindheit Jesu‹ mit jeder Seite zu einem Buch voller Intensität, Überraschung und Schönheit, in denen es um die Themen Emigration und Einsamkeit geht sowie das Rätsel einer Ankunft: In einem fremden Land finden sich ein Mann und ein Junge wieder, wo sie ohne Erinnerung ihr Leben neu erfinden müssen. Sie müssen nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern auch dem Jungen eine Mutter suchen.

J. M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

J.M. Coetzee, Die Kindheit Jesu, Verlag S. Fischer, Hardcover, 21,99 Euro, ISBN: 978-3-10-010825-8