Das Transparent am U-Bahn-Eingang gibt die Gefühle und die Stimmung in der improvisierten Zeltstadt im Herzen Madrids wieder: „Wir trugen die Revolution in unseren Herzen, nun fliegt sie frei durch die Straßen.“

„Ich habe das erste Mal das Gefühl, wirklich etwas verändern zu können“, sagt Ismael, ein 24-jähriger Student, der mit seinen Mitstreitern seit Dienstag den Platz an der Puerta del Sol (Sonnepforte) im Zentrum der spanischen Hauptstadt besetzt hält.

Er ist zum Mittelpunkt der Protestbewegung „Democracia Real Ya!“ (Wahre Demokratie Jetzt!) geworden, die vor den Regional- und Kommunalwahlen am Sonntag landesweit an Zulauf gewinnt.

In der Nacht hat es geschüttet wie aus Eimern. Der Regen hat die Demonstranten durchnässt und den mit Pappkartons bedeckten Boden in eine glitschige Masse verwandelt. Aber die Besetzer sind gut organisiert: Es gibt acht Kommissionen, etwa eine für Reinigung. Mit Besen und Schrubbern gingen deren Mitglieder am Donnerstag ans Werk.

Die Kommission für Lebensmittel sorgt dafür, dass das von Anwohnern gestellte Essen verteilt wird. Wichtig ist auch die Kommission für Kommunikation: Sie versorgt die Presse mit Informationen. Inzwischen gibt es auch Baustellenklos und Stromgeneratoren, die die Laptops im Camp am Laufen halten – alles ist gespendet, denn die Bewegung genießt in der Bevölkerung durchaus Sympathie.

Mit chaotischen Systemgegnern, mit denen die Demonstranten in rechten Kreisen verglichen werden, hat der Protest nach eigenen Angaben jedenfalls nichts zu tun. „Wir sind keine Anarchisten, sondern normale Bürger. Die Systemgegner sind jene Haie, die das Finanzsystem zerstört haben“, sagen die beiden Begründer der Bewegung, Fabio Gándara und Jon Aguirre.

Der erste ist Anwalt und arbeitslos, der zweite steht kurz vor dem Abschluss seines Architekturstudiums. Über Facebook und Twitter haben sie die Bewegung vor drei Monaten ins Leben gerufen – seit den ersten großen Demonstrationen am vergangen Sonntag wird sie „Bewegung des 15. Mai“ genannt. „Wir möchten auch nicht die Politiker vertreiben, sondern sie dazu bringen, die Stimme der Straße zu hören“, ergänzen sie.

Davon gibt es in dem Zeltlager reichlich: Studenten, Arbeitslose, Rentner, Angestellte. Viel Zeit verbringen sie mit Debattieren. Arbeitsplätze verlangen sie, die Abschaffung von Dumpinglöhnen, ein Ende der Sozialkürzungen, ein gerechteres Wahlrecht, das auch kleinen Parteien eine Chance gibt.

Der gemeinsame Feind sind die beiden großen Parteien der Sozialisten (PSOE) und Konservativen (PP), die sich seit dem Ende der Franco-Diktatur vor 36 Jahren an der Macht abgewechselt haben. Oftmals steht am Ende der Diskussionen die Forderung nach einem neuen politischen und sozialen System in dem Krisenland. „Das hier ist eine wahre Volksversammlung“, sagt einer der Besetzer.

Als Vorbild gilt den Demonstranten der arabische Frühling. Auch Spaniens früherer sozialistischer Ministerpräsident Felipe González (1982-1996) vergleicht den Platz an der Puerta del Sol mit dem Tahrir-Platz in Kairo – mit einem wesentlichen Unterschied: „Dort forderten sie freie Wahlen, hier sind sie der Meinung, dass freie Wahlen nichts bringen.“

Die Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) des heutigen Regierungschefs José Luis Rodríguez Zapatero ist jedenfalls zutiefst beunruhigt über die Auswirkungen des Protests: Sie befürchtet, dass dieser sie am Sonntag haufenweise Stimmen kosten wird.