Das Mittelmeer: Schiffe versenken, historisch wertvoll! “Meilenstein, Geschichtsbuch des Jahres”

Spanien, 1525. Die letzten offen ihren Glauben praktizierenden Muslime sind zum christlichen Glauben übergetreten, eine Wahl hatten sie diesbezüglich nicht.

Als Morisken, denen man immerhin viele Jahre lang nicht zumutete, ihren zwangsweise angenommenen neuen Glauben offen feiern zu müssen, waren sie deshalb aber noch lange nicht aus der Schusslinie – man unterstellte ihnen, die osmanischen Sultane zu unterstützen, indem sie innerhalb Spaniens für Unruhe sorgten. Schließlich hatten die Armeen und Flotten der katholischen Könige keine Zeit, ihre Bevölkerung zu schützen, sie mussten schließlich ferne Länder plündern.

Die Frauen mussten ihren Schleier abnehmen, maurische Tänze wurden verboten. Und König Philipp II. erwog nach 1580 sogar die Möglichkeit, die Morisken auf Schiffen aufs Meer hinauszubringen und die Schiffe dann zu versenken. Der Bischof von Segorbe hatte die Idee, die Morisken nach Neufundland zu verfrachten, allerdings nicht ohne sie vorher zu kastrieren – wo sie dann „vollständig aussterben“ sollten.

Bis es 1609 so weit war, wäre noch Zeit genug gewesen, sich zu überlegen, was die Ausweisung von rund 150.000 Menschen vor allem für das Kernland der Morisken, dem Königreich Valencia, zu bedeuten hatte – vor allem für die Seiden- und Zuckerproduktion sowie die Bewässerungssysteme der Landwirtschaft. Allein, wirtschaftliche Erwägungen waren den Spaniern schon damals nicht immer gegeben. Als die Gesandten der Ständeversammlung Valencias  bei König Philipp eintrafen, was der Vertreibungserlass schon unterschrieben.

Wer nachlesen möchte, wie es den Morisken danach erging – und wie Valencia, Spanien und dem restlichen Teil des Mittelmeeres, kann dies in David Abulafias neuer „Biographie“ über das Mittelmeer tun. Und erkennen: Die Geschichte des Mittelmeeres ist die Geschichte unserer Zivilisation. Nachweisbar ungefähr seit dem Jahr 22.000 vor Christus.

Was der englische Independent einen „Meilenstein“ nennt, die Sunday Times ein „episches, hervorragend zu lesendes und gelehrtes Werk über die Geburtsstätte des Westens“ sowie „Kandidat für das Geschichtsbuch des Jahres“, ist in der Tat ein opulentes, dabei aber leicht und spannend zu lesendes Werk zur Geschichte des Mittelmeers, das heute fast nur noch als Urlaubsparadies bekannt ist.

Fakt ist: An seiner geographischen Achse entschieden sich bereits zu Zeiten Trojas politische und kulturelle Neuerungen, die von weltpolitischer Bedeutung sind. Von hier aus werden neue Reiche erobert, Grenzen verschoben, Weltanschauungen durchgesetzt, Irrfahrten begangen, es gab Schrecken, Kriege, Fehden, Erstürmungen und Tragödien.

Aber es existiert ebenso die andere Seite, und diese besteht aus der unvergleichlichen Geschichte eines Dialog verschiedener Kulturen, Identitäten, Politiken, Wissenschaften, Handel und Religionen entlang der Küsten des Gewässers, für das die Römer noch den einen, allbezeichnenden Namen hatten: Mare Nostrum.

Abulafia schlägt einen Bogen durch Raum und Zeit und zeigt, wie das Mittelmeer zu eben jenem kraftvollen Ort wurde, an dem sich die Geschichte der Menschheit auf einzigartige Weise widerspiegelt. Ein aufsehenerregendes Werk mit einem reichen Farbbildteil.

David Abulafia, geboren 1949, ist Professor für die Geschichte des Mittelmeerraumes an der Universität Cambridge und Fellow am Gonville and Caius College und an der British Academy. Zudem ist er Mitglied der Academia Europa. „Das Mittelmeer“ wurde in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Mountbatten Award for Literary Excellence.

David Abulafia, Das Mittelmeer. Eine Biographie, Verlag S. Fischer, 960 Seiten, gebunden, Aus dem Englischen von Michael Bischoff, Euro 34,00, ISBN: 978-3-10-000904-3