Bremervörde (ots) –

Im Laufe der Evolution ist etwas Entscheidendes geschehen: Der Mensch hat den aufrechten Gang erlernt. Unsere Wirbelsäule und der gesamte Bewegungsapparat haben sich daran angepasst und so gehen wir auf zwei Beinen durch’s Leben. Mittlerweile markiert das Laufen lernen in der Entwicklung eines Kindes einen wichtigen Meilenstein, der Eltern stolz macht. Gehen ist etwas ganz Natürliches, bei dem man nichts falsch machen kann. Oder? Warum braucht es dann Rückenschulen? AGR-Experte und Mitglied des Direktoriums im Bundesverband deutscher Rückenschulen (BdR) e. V. Ulrich Kuhnt gibt Antworten.

Rückenschule klingt ja erstmal nach stillsitzen – und dabei soll doch gerade das nicht förderlich für einen gesunden Rücken sein. Herr Kuhnt, Sie sind Sportwissenschaftler, Gesundheitsberater in Betrieben und Leiter der Rückenschule Hannover. Sie kennen sich also bestens aus, klären Sie uns bitte auf.

Wir vermitteln Wissen in Theorie und Praxis. Das haben wir mit einer Schule gemeinsam. Doch ich erkläre das ganz gerne an einem 4-Säulen-Modell. Diese vier Säulen sind die Eckpfeiler dessen, was wir in der Rückenschule vermitteln und gleichzeitig Verhaltensempfehlungen für einen gesunden Rücken.

„Achten Sie auf Ihre Körperhaltung und Bewegungsabläufe.“

Säule 1 setzt sich mit der physiologischen oder einfach ausgedrückt, mit der aufrechten Körperhaltung auseinander und beachtet dabei die natürliche Doppel-S-Form der Wirbelsäule. Es geht darum, günstige Haltungs- und Bewegungsmuster des Alltags (wieder) zu erlernen. Dabei werden die Inhalte erst theoretisch besprochen und dann praktisch trainiert, um rückengerecht zu sitzen, stehen, liegen oder Gegenstände zu heben und zu tragen. Und natürlich werden auch Hilfsmittel behandelt, die ergonomisch gestaltet sind und dem Bewegungssystem bei gewissen Tätigkeiten helfen.

„Keine Haltung ist so gut, dass sie lange eingehalten werden sollte.“

Die zweite Säule beschäftigt sich mit dem Wechsel der Haltung und der Bewegung. Ob im Büro, beim Autofahren, abends auf der Couch – keine Haltung ist so gut, dass sie lange eingehalten werden sollte. Denn es ist nicht neu, dass Sitzen schon lange als das neue Rauchen gilt und Monotonie für den Rücken schnell zum Problem werden kann. Darum ist es wichtig, auf den kontinuierlichen Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Bewegen zu achten. Vielfalt und Abwechslung sind der Schlüssel für eine verbesserte Rückengesundheit. Dabei kann auch hier auf ergonomische Unterstützer zurückgegriffen werden – von ergonomischen Bürostühlen für dynamisches Sitzen, höhenverstellbaren Arbeitstischen für das Stehen bis hin zu einer entsprechenden Matratze. Je vielfältiger und abwechslungsreicher, desto besser.

Unser Körper ist ein faszinierendes Zusammenspiel verschiedener Strukturen. Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehnen, Nerven, Faszien – sie alle spielen zusammen und sorgen dafür, dass wir unseren Alltag meistern. Doch damit alles reibungslos klappt, benötigen sie entsprechendes Training in Form immer neuer Reize, Stimulationen und Bewegung. Damit befassen wir uns in Säule 3. Kräftigungs-, Dehn- und Koordinationsübungen stehen hier im Mittelpunkt.

Und dann wäre da noch die vierte Säule, denn alles Üben und Trainieren hilft nichts, wenn ich nicht auch auf meine psychische Balance achte. Wir wollen den Kopf wieder mit dem Körper in Einklang bringen. Es geht hierbei um die Psychosomatik hinter Rückenbeschwerden und darum, Stressoren, Ängste oder Sorgen zu erkennen. Denn diese wirken sich maßgeblich auf unseren Körper aus und triggern uns so, dass auch körperliche Reaktionen in Form von Rückenschmerzen zu spüren sind.

Diese vier Säulen fußen auf einem Fundament, das folgenden Ansatz verfolgt: In einer Rückenschule wollen wir die Sichtweise auf die Gesundheit und den eigenen Lebensstil positiv verändern. In unserem ganzheitlichen Präventionskonzept geht es immer um den ganzen Menschen inklusive Aspekten, wie einer ausgewogenen Ernährung als konsequente Erweiterung des Angebots. In einer Kombination aus Analyse und Anpassung unseres Verhaltens und unserem Umfeld (Verhältnissen) wollen wir die Funktionsweise des Körpers verbessern.

Kurz gesagt: In der Rückenschule ist es ok, zu kippeln?

Wenn man so will… Ich sehe das Kippeln hier eher als Beleg, warum es Rückenschulen braucht. Kinder spüren, viel mehr als Erwachsene, wann es Zeit ist, aktiv zu sein. Sie haben einen enormen Bewegungsdrang, der uns im Laufe der Zeit abtrainiert wird. Darum ist es Rückenschulen ein zentrales Anliegen, dass die Personen sich wieder selbst spüren. Sie sollen wieder erkennen: Wann brauche ich Bewegung, um so zu meinem natürlichen Bedürfnis nach körperlicher Bewegung zurückfinden. Manchmal können schon kleine Veränderung dabei helfen.

Es ist klar, dass das etwas sehr Individuelles ist. Habe ich einen Beruf, in dem ich körperlich anstrengende Arbeit verrichte, brauche ich für meinen Rücken eher andere Reize als jemand, der den ganzen Tag im Büro verbringt. Sie begeben sich vielmehr auf die Suche nach Optionen, wo Sie gut neue Reize und Impulse integrieren können.

Wie oft muss ich in eine Rückenschule?

Es geht um Hinführung zu einem dauerhaft bewegten Lebensstil. Darum ist es sehr individuell, wie oft und wie lange Sie eine Rückenschule besuchen sollten. Und auch die Eigenmotivation spielt eine große Rolle. Schließlich geht es um nachhaltige Veränderungen und das Erkennen von Verhaltensweisen, um neue Bewegungsmuster zu etablieren. Ich empfehle meist den regelmäßigen Besuch von 1 x pro Woche für ca. 90 Minuten über ca. ein Jahr.

Kann jeder davon profitieren? Für wen ist die Rückenschule genau das Richtige? Kann ich auch als gesunder Mensch zur Rückenschule kommen?

Die Rückenschule ist für jeden geeignet. Hier geht es ja um einen Bildungsauftrag. Wir wollen die Kompetenz jedes Menschen verbessern, mit dem eigenen Körper achtsam und bewusst umzugehen.

Wie melde ich mich an? Brauche ich ein Rezept, eine Überweisung oder kann ich einfach so kommen?

Die Wege in die Rückenschule sind ganz unterschiedlich. Zum einen über Angebote von Krankenkassen, die Kurse für Versicherte anbieten. Zum anderen über Ärzte, die Empfehlungen aussprechen. Viel geht auch über Mund-Propaganda und Angebote von Gesundheitsförderern oder Arbeitsmedizinern. Betriebe haben ihren Umgang mit Gesundheitsthemen verändert und sind zunehmend bereit, Gesundheitsthemen aufzugreifen. Grundsätzlich ist es so, dass Sie sich auch ohne ein Rezept anmelden können. Auch eine Überweisung ist nicht nötig. Viel einfacher können Sie zum Beispiel im Internet die Rückenschulen in Ihrem Umkreis recherchieren und sich anschließend konkreter über deren Angebote informieren.

Wohlbefinden und Zufriedenheit am Arbeitsplatz spielen eine immer größere Rolle. Da hat in den letzten 10 Jahren eine starke Sensibilisierung stattgefunden, was eine sehr positive Entwicklung ist, wie wir meinen. Firmen haben sich anders aufgestellt und sehen inzwischen die betriebliche Gesundheitsförderung als eine wichtige Maßnahme zur Gesunderhaltung der Belegschaft. Und natürlich erleichtert die Digitalisierung auch das eine oder andere: Sie setzt Hürden wie den Zeitaufwand herab oder bietet Flexibilität. Da gibt es dann eine digitale Betriebsversammlung mit Bewegungspause oder ein Bewegungsvideo, dass sich Mitarbeiter nach ihrem Zeitplan anschauen können oder digitale Vorträge. Das ist inzwischen Usus.

Interessanterweise finden immer mehr Männer in die Rückenschule. Noch vor einiger Zeit war das anders, doch auch hier findet ein Umdenken statt. Männer öffnen sich für neue Themen, die früher als „weiblich“ beschrieben wurden. Sie werden weicher und offener gegenüber Neuem, psychischen Aspekten und ähnlichem. Es scheint ein Wertewandel, gerade in den jüngeren Generationen stattzufinden. Nun haben wir auch viele Herren, die in unseren Yoga oder Nordic Walking Kursen dabei sind. Da sah das Geschlechterverhältnis vor wenigen Jahren noch anders aus.

Wer trägt die Kosten?

Bei der Teilnahme an ZPP-zertifizierten Kursen, also Kursen, die von der Zentralen Prüfstelle Prävention überprüft wurden, übernehmen die Krankenkassen zumeist zwischen 80 – 100 % der Kosten. Bei Rückenschulen ist diese Zertifizierung meistens auch die Regel. Bei betrieblichen Gesundheitsvorsorge-Angeboten sind die Kosten für die Unternehmen im Rahmen von Kooperationsverträgen mit den Kassen erstattungsfähig.

Woran erkenne ich eine gute Rückenschule?

Es gibt ein paar Indikatoren für fachkundige Rückenschulen. Schließlich möchte man ja die eigene Gesundheit in Experten-Hand wissen. Hier meine Indikatoren:

– Ist die Kursleitung Mitglied im Bundesverband deutscher Rückenschulen (BdR) e. V.?
– Werden die Kurse von ausgewiesenen, fachkundigen und zertifizierten Experten geleitet (Sportpädagogen, Physiotherapeuten, Gymnastiklehrern, etc.)?
– Bilden sich die Kursleiter regelmäßig und nach einheitlichen Qualitätskriterien fort?
– Springt der Funke über – Sind die Kursleiter mit Leidenschaft und Fachwissen für die Sache dabei und fühlen Sie sich wohl?

Über die AGR

Die Aktion Gesunder Rücken (AGR) e. V. arbeitet seit über 25 Jahren daran, ein Bewusstsein für die Bedeutung rückengerechter Verhältnisse zu schaffen. Eine wichtige Entscheidungshilfe für Verbraucher stellt das AGR-Gütesiegel „Geprüft & empfohlen“ dar. Alltagsgegenstände, die von unabhängigen medizinischen Gremien als besonders rückenfreundlich eingestuft werden, können mit dem renommierten Siegel ausgezeichnet werden.

Weiterführende Informationen zum AGR-Gütesiegel und zu zertifizierten Produkten gibt es unter www.ruecken-produkte.de und hier: www.agr-ev.de

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Frau Anne-Katrin Kohlmorgen
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Quelle: ots