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Guernica

Die Frage nach dem Sinn der historischen Wissenschaften beantwortete der Düsseldorfer Geschichtsdidaktiker Hans Süssmuth in einem seiner Schriften so: "Geschichtswissenschaft bewahrt gesellschaftliches Wissen als Kollektivgedächtnis".

Nun ist das Gedächtnis der meisten Menschen bekanntlich schwach, und es müssen ihm Stützen, Gedächtnisstützen, aufgebaut werden, was in Form von Gedenktagen geschieht. Zu einem Kollektivgedächtnis gehört auch ein Kollektivgewissen, und so scheinen solche Gedenktage im Sinne einer Humanisierung der Menschheit wichtig. Sie sollen mahnend an Ereignisse erinnern, bei denen ein Teil dieser Menschheit sich besonders unmenschlich gezeigt, ein anderer Teil sich durch Wegschauen, Ignoranz oder Gleichgültigkeit hervorgetan hat.

Ein solcher Gedenktag steht demnächst wieder an, und zwar einer, und deshalb wird er auch in dieser Zeitung besonders erwähnt, der Deutsche und Spanier gleichermaßen betrifft: Am 26. April 1937 wurde die baskische Stadt Guernica durch deutsche Bomber der Legion Condor dem Erdboden gleichgemacht. Dies war der erste vernichtende Luftangriff auf ein ziviles Flächenziel in der Militärgeschichte. Was vom Ort noch übrig geblieben war, wurde zwei Tage später durch die einmarschierenden Faschisten zerstört. Über die Anzahl der Todesopfer gehen die Angaben weit auseinander, man spricht von zwischen 300 und 2.000.

Es gilt heute als gesichert, dass mit der Bombardierung nicht feindliche Nachschubwege zerstört werden sollten, wie von den Putschisten zur Rechtfertigung oft behauptet. Hier sollte ein Symbol getroffen werden, die "Heilige Stadt" der Basken mit der Eiche, unter der die kastilischen Könige bis 1876 schwören mussten, die Sonderrechte der "Fueros", der drei baskischen Provinzen Guipúzcoa, Vizcaya und Alava, zu respektieren. Und wie von britischer Seite vermutet, wurde mit dem Angriff ein Konzept zur Terrorisierung der Zivilbevölkerung von den deutschen Nazis erprobt. Der Name "Guernica" ist seitdem weltweit zum Menetekel für militärische Verbrechen geworden; das gleichnamige Bild, das Picasso noch 1937 für die Pariser Weltausstellung malte, ist die weltweit vielleicht bekannteste Anklage gegen die Kriegsgräuel.

Aber leider ist Guernica kein Einzelfall. Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Aneinanderreihung von Massakern, von Massenvertreibung und -vergewaltigung, von Pogromen, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, kurz von allen Unmenschlichkeiten, die der Mensch fähig ist anderen Menschen zuzufügen. Im Jahre 390 lässt ein zornig gewordener Kaiser Theodosius I. die Bewohner von Thessaloniki ins Stadion locken und dort von seinen Truppen zusammenhauen, die Quellen berichten von mehreren Tausend Toten; im 21. Jahrhundert lässt ein ungeduldig gewordener US-Präsident ein ganzes Land in einem sinnlosen und völkerrechtswidrigen Krieg in die Steinzeit zurück bombardieren, und zwischen beiden Ereignissen liegen noch viele Namen, von denen Guernica nur einer ist: Auschwitz und Dachau, Hiroshima und Nagasaki, My Lai und Srebrenica, und auch das World Trade Center und die Madrider Vorortbahnhöfe gehören in diese Liste. Einigen dieser Namen ist ein mehr oder weniger offizieller Gedenktag zugeordnet; der 6. August, der Tag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, wird heute als Antikriegstag begangen.

Und das kollektive Gedächtnis? Es protestiert geflissentlich, wenn es auf einen solchen Gedenktag aufmerksam gemacht wird, wird aber die nächste und die übernächste und die überübernächste menschliche Großtragödie nicht verhindern. Der Mensch ist eben, wie Rainer Kunze in einem seiner Gedichte bemerkte, dem Menschen ein Ellenbogen.

 


Datum:
10.01.2008
Quelle:
SAZ
Autor:
Ralf Peters
Bildquelle:
 

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Suchbegriffe: Guernica, Bürgerkrieg, Spanien, Legion Condor, Picasso


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