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Berühmte Spanier: Goya

Goya im PradoSpanien hat der Menschheit eine Vielzahl hervorragender Maler geschenkt; erwähnt seien hier nur El Greco und Zurbarán, Velázquez und Murillo, Sorolla und Picasso, Miró oder Dalí. 

Dann war da aber noch einer, der aus vielerlei Gründen eine ganz besondere Faszination ausstrahlt; jemand, der sich rühmen konnte, alles malen zu können, selbst das Dunkelste, das sich dem Malbaren entzieht; jemand, bei dem die Pracht als Kehrseite des Schreckens und umgekehrt der Schrecken als etwas durchaus Prächtiges erscheint: Francisco de Goya y Lucientes (1746-1828). Ilja Ehrenburg schrieb 1932 über ihn: "Auch wenn man sich nicht im geringsten für Kunst interessiert, wenn man nach Spanien kommt, um Apfelsinen einzukaufen oder die Agrarfrage zu studieren, als Börsenjobber oder Agitator - an Goya kann man nicht vorbeigehen: Er ist der beste Führer durch das Land".

Die Malerei Goyas ist offenbar so vielschichtig, dass Künstler unterschiedlicher Stilrichtungen sich in ihm wieder erkannt haben und immer noch wieder erkennen: Impressionisten und Expressionisten, Surrealisten, Karikaturisten usw. Dabei kann sein Leben an sich schon als Kunstwerk angesehen werden. Da steigt der Sohn eines kleinen Vergolders aus der aragonesischen Provinz zu Spaniens erstem Hofmaler auf, zu einem Künstler, der friedliche Idylle und liebliche Porträts,  Mörder und Wahnsinnige, Krieg und Blutvergießen, aber auch seine eigene, innere Finsternis malte, der in viele Intriegen und Auseinandersetzungen und in manche Liebelei hineingezogen wurde, der nach einer Krankheit das Gehör verlor und damit noch eigensinniger wurde und am Ende sogar nach Frankreich fliehen und im Exil sterben musste. Da entwickelt sich jemand vom karrieresüchtigen Hofschranzen zum Aufklärer, um anschließend als zurückgezogener Eigenbrödler die Wände seines Hauses mit genial-grauenvollen Bildern zu bemalen. Er war aufgeklärt, galt sogar als Franzosenfreund, war dennoch Patriot, Liebhaber der hocharistrokratischen Herzogin von Alba, und er war Vater von etwa 19 Kindern, die er fast alle überlebte.

Eigentlich begann seine künstlerische Laufbahn relativ normal: Mit 13 ging er in Zaragoza im Atelier des Barockmalers José Luzán in die Lehre, daran schloss sich ein längerer Studienaufenthalt in Italien an. Ab 1771 arbeitete er in Zaragoza als selbstständiger Meister, was ihm ein gutes Einkommen einbrachte. Aber sein Sinn stand nach Höherem; ehrgeizig versuchte er, an den Madrider Hof zu kommen, was ihm nach mehreren vergeblichen Versuchen erst gelang, nachdem er 1773 Josefa, die Schwester des Hofmalers Francisco Bayeu geheiratet hatte. Nun konnte er am Hofe des aufklärungsfreundlichen Carlos III. als Kartonmaler in der Teppichmanufaktur anfangen. Aus dieser Zeit stammen auch viele Porträts hochgestellter Persönlichkeiten: Jovellanos, Ventura Rodriguéz, Floridablanca usw. 1789 ernannte ihn dann Carlos IV zum ersten Hofmaler, was mit der Verleihung eines persönlichen Adelstitels verbunden war.

1792 erkrankte der Maler plötzlich sehr schwer und war über ein Jahr lang arbeitsunfähig. Zu den Symptomen gehörten Paralyse der rechten Körperhälfte, Schwindelanfälle, Seh- und Hörschwierigkeiten, geistige Verwirrung und Komaperioden. Neuerdings glauben Mediziner, hier Anzeichen einer Bleivergiftung entdeckt zu haben, und tatsächlich war die Sorte Farbe, die Goya stets in verschwenderischer Dicke auftrug, sehr stark bleihaltig. Wie dem auch sei, klar ist, dass diese Erkrankung Goya veränderte, was nicht nur in seinen Bildern deutlich wird, sondern auch in seiner zunehmenden Distanzierung vom Hof und von seinen Ämtern. So gab er den Posten des Direktors für Malerei an der Akademie, den er 1795 in der Nachfolge Bayeus erhalten hatte, bereits anderthalb Jahre später aus eigenen Stücken wieder zurück. Viele seiner Biographen sprechen hier von einer Flucht in die Krankheit, die letztendlich Goya nur dazu dienen sollte, ihn von den Auftragsarbeiten, von denen er sich zu sehr eingeengt fühlte, zu befreien.

Goya brach nun mit sämtlichen stilistischen Konventionen und mit der traditionellen Malerei an sich. Zum Ausdruck gebracht wurde jetzt nur noch seine eigene individuelle Sichtweise der Dinge, und damit gilt er als Wegbereiter des Realismus. Deutlich wird dies bereits mit dem 1800/01 entstandenen Repräsentationsgemälde "Die Familie Karls IV." Ähnlich wie Caravaggio, der sich seinerzeit nicht scheute, die schmutzigen Füße eines Betenden zu malen, oder einen leidenden, armseligen Christus am Kreuze, so scheute sich auch Goya nicht, seinen obersten Dienstherrn samt Familie in all ihrer Menschlichkeit, Hässlichkeit und Gewöhnlichkeit darzustellen. Die hölzerne, unelegante Haltung der Porträtierten, ihr leerer, beinahe dümmlicher Gesichtsausdruck - nichts Würdevolles, Königliches war ihnen gelassen worden. Goya dachte gar nicht daran, die Bourbonenfamilie zu verherrlichen, sondern er malte sie so, wie er sie sah.Wie realistisch seine Arbeit dabei ausfiel, zeigt die verblüffende Ähnlichkeit zwischen den Gesichtszügen Karls IV. und denen seines Ururururenkels, des heutigen Königs Juan Carlos I.

Als Wegbereiter des Surrealismus gilt Goya ob seiner Caprichos genannten Serie von 80 Radierungen, deren Erscheinen er bereits 1799 in einer Madrider Zeitung angekündigt hatte. Ganz im Sinne der aufklärerischen Gedanken der Französischen Revolution lehnte sich Goya gegen die Willkürherrschaft von Monarchie und Adel, Kirche und Justiz auf, und als Stilmittel dienen ihm dazu grotesk verzerrte Figuren, aus deren Interaktion man zusammen mit den beigefügten Kommentaren Kritik an Personen, der Emporkömmling Godoy, Premierminister und Liebhaber der Königin wäre hier vorrangig zu nennen, an Institutionen wie der Inquisition und an menschlichem Verhaltensweisen wie fehlgeleitete Leidenschaft, unbeherrschte Sinnlichkeit, Ehehandel usw. herausinterpretieren kann. In der Anzeige fügte Goya allerdings hinzu, dass seine Themen ideellen Ursprungs seien, seiner Phantasie entsprungen und nicht aus der Natur. Damit flüchtete er sich in den sicheren Raum seiner künstlerischen Freiheit.

Besonders bekannt aus dieser Reihe ist das wohl ursprünglich als Deckblatt vorgesehene Capricho Nr. 43 mit dem Titel El sueño de la razón produce monstruos, "Der Schlaf/Traum der Vernunft gebiert Monstren". Die Radierung zeigt die vom Künstler personifizierte schlafende oder träumende Vernunft - sueño bedeutet sowohl schlafen als auch träumen -, die von allerlei monströsem Getier bedrängt wird. Wenn die Vernunft schläft, werden die Mächte der Nacht, Willkür, Dummheit und Gewalt herrschen.

Eine weitere Serie Radierungen, die Desastres de la Guerra, die "Schrecken des Krieges", entstanden um 1810, sind besonders geprägt von den Folgen und Gräueltaten während der napoleonischen Herrschaft und dem Unabhängigkeitskrieg der spanischen Bevölkerung. Goya schildert hier auf 82 Blättern die Toten und Verstümmelungen in einer bis dahin nie gekannten Schärfe. Im selben Jahr musste er sich vor der Inquisition für die berühmten Gemälde der bekleideten und der nackten Maja rechtfertigen. Die nackte Maja war das erste Aktbild der spanischen Kunst, auf dem weibliches Schamhaar zu sehen ist. Das Gemälde war ursprünglich durch ein Scharnier mit seinem Gegenstück Die bekleidete Maja verbunden - mittels dieser Vorrichtung ließ sich die freizügige Variante durch die züchtige Darstellung verdecken.

Nachdem die Bourbonen wieder auf dem spanischen Thron saßen, wurde Goya erneut als Hofmaler eingesetzt. Mit den Auseinandersetzungen zwischen Monarchisten und Liberalen waren die politischen Unruhen jedoch noch längst nicht beseitigt. Goya zog sich 1819 auf sein Landhaus Quinta del Sordo zurück, dessen Wände er bis 1823 bemalte. Die so genannten Pinturas Negras, "Schwarze Bilder", sind ein eindrucksvolles Zeugnis seines Spätwerks, in denen sich düstere Fantasien des Malers mit den bedrückenden Zeitumständen vermischt zu haben scheinen. Eines dieser Bilder,  Saturno devorando a uno de sus Hijos, "Saturn verschlingt einen seiner Söhne", gehört zu dem Erschreckendsten, was jemals gemalt wurde.

Schließlich wird die Situation für Goya nicht mehr tragbar. Im November 1823 war Fernando VII. im Triumphzug nach Madrid zurückgekehrt, eine Restitution der Monarchie in ihrer absolutistischen Form zeichnete sich ab, der Druck auf die Liberalen, zu denen auch Goya zählte wuchs. Viele seiner Freunde, darunter auch der Schriftsteller Moratín, hatten sich bereits nach Frankreich abgesetzt, 1824 ging dann auch Goya nach Bordeaux. Dort arbeitete er an seinen letzten Radierungen, die Stierkampfszenen zeigen. Außerdem entstanden hier einige Porträts und Stiche, die vermuten lassen, dass der Maler hier seinem inneren Frieden näher gekommen ist. Gelähmt stirbt Goya am 16. April 1828 in Bordeaux. 1901 wird sein Leichnam nach Spanien überführt und 1919 in der Ermita de San Antonio de la Florida in Madrid beigesetzt.

 


Datum:
10.01.2008
Quelle:
SAZ
Autor:
Ralf Peters
Bildquelle:
www.flickr.comComunidad de Madrid /
 

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