Catalá, Valenciano, Mallorquí - Spaniens Fenster nach Europa?
Kennen Sie Antoni Gaudí, der mit seiner Casa Milà, der Sagrada Familia oder dem Park Güell in Barcelona für wirklich außergewöhnliche Architektur gesorgt hat?Wohl ja. Und kennen Sie Salvador Dalí, den großen Maler? Dann kennen sie bestimmt auch seinen Kollegen Joan Miró. Vielleicht kennen Sie sogar die Musiker Pau Casals und Jordi Savall. Ihre Gemeinsamkeit? Sie sind Katalanen. Aber kennen Sie auch einen katalanischen Schriftsteller?
Katalonien war das Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse 2007. Katalonien - ein Land, das eigentlich gar kein richtiges Land ist, oder besser gesagt, das um seinen endgültigen Status nach wie vor kämpft. Die katalanische Sprache ist dabei eine der durchschlagendsten Waffen der kämpfenden Politiker. Was hat es damit auf sich?
Die Auseinandersetzungen auf politischer Ebene um das sogenannte "Statut" sind täglich in den Zeitungen nachzulesen, in jüngster Zeit verbrennen extremistische Separatisten Bilder des spanischen Königshauses. Die Landessprache Katalanisch wird in Schulen, Hochschulen und Rathäusern nicht nur offensiv, sondern agressiv gefördert - wer nicht Katalanisch spricht, hat kaum Chancen auf eine Anstellung im öffentlichen Dienst. Im September wurde die urugayische Schriftstellerin Peri Rossi, die seit mehr als 30 Jahren in Barcelona lebt, aus dem öffentlichen katalanischen Radio verbannt, weil sie dort Castellano redete.
Die Politik macht aus einem Nebeneinander ein Gegeneinander
"Was Barcelona zu einer bemerkenswerten Stadt macht, ist das Nebeneinander zweier bedeutender Traditionen: der katalanischen und der spanischen." So preist der Juliá Guillamon, der bekannteste katalanische Literaturkritiker und Autor der Tageszeitung "La Vanguardia", in der Literatur-Beilage der "ZEIT" seine Heimat. Die Politik hat aus diesem Nebeneinander ein Gegeneinander gemacht.
Oder warum wurden auf der Buchmesse ausschließlich katalanische Bücher präsentiert - die spanische Literatur aber, die es in Katalonien gibt, dagegen ignoriert? Was ist mit Manuel Vázquez Montalbán, Eduardo Mendoza oder Enrique Vila-Matas, die von Barcelona aus die spanische Literatur in Castellano geprägt haben?
Das alles bringt bei friedfertigen Menschen und Spanien-Freunden die katalanische Sprache und Katalonien überhaupt in Verruf. Und auch in seiner abgemilderten Form als Valenciano und Mallorquí - das Land Valencia und die Balearen gehören zumindest linguistisch zu den katalanischen Ländern - ist Katalan nicht unbedingt angesehen. Valenciano, fast identisch mit dem Katalan, gilt als kleingeistig, provinziell, rückschrittlich. Während sich Formationen wie Europa bilden, sollen Kinder (fast) mit aller Gewalt in einer Sprache wie Valenciano unterrichtet werden?
Der Unmut wird befördert durch die kaum vorhandene Lesekultur der bekennenden Valencianer. Fragt man einen, welche katalanischen oder valencianischen Schriftsteller es sich denn im Original zu lesen lohne, erntet man ein herzhaftes Achselzucken. Lesen, wozu das denn? Es reicht doch, wenn man seine Paella auf Valenciano bestellen kann.
Carles Riba übersetzte Hölderlin, Rilke, Kafka und die Odyssee
Dabei hat gerade das Katalanische eine lange Tradition, viele anerkannte Schriftsteller und ein großes Publikum. Denn rund elf Millionen Menschen sprechen und lesen Katalanisch, mehr als Finnisch, Dänisch, Norwegisch, Slowenisch oder Litauisch. Und auch einen unbestreitbaren Bonus genießt das Katalanische: Unter der Ägide es spanischen Generals Franco war Katalan verboten - und das hat hat keine Sprache dieser Welt verdient.
An erster Stelle der katalanischen Autoren werden immer wieder die beiden Schriftsteller Ramon Llull (1235 - 1316) aus Mallorca und Ausias March (1397 - 1459) aus Valencia genannt, die beiden mittelalterlichen Großmeister des Katalan. Von Literaten wird Llull in einem Atemzug mit Italiens Dante genannt. Joan Maragall (1860 - 1912) aus Barcelona galt zu seiner Zeit als der bedeutendste spanische Lyriker überhaupt.
Der Dichter Salvador Espriu (1913 - 1985) hat sich in seinen Werken für die Versöhnung der spanischen Sprachen eingesetzt und den deutschen Übersetzer Fritz Vogelgsang dazu bewogen, Katalanisch zu lernen, um ihn im Original lesen zu können. Carles Riba (1893 - 1959) hat neben der Odyssee Kafka, Hölderlin und Rilke aus dem Deutschen ins Katalanische übersetzt. Dazu kommen Schriftsteller wie J.V. Foix (1894 - 1987), Josep Pla, Josep Maria de Sagarra, Llonrec Villalonga, Maria Barbal und Mercé Rodoreda, die zur Buchmesse mit Neuveröffentlichungen geehrt werden.
Katalanisch ist die Sprache im "Tanz der Identitäten"
"Was kann die katalanische Literatur zum europäischen Panorama beisteuern?", fragt Julia Guillamon in der Zeit und zitiert Joan Daniel Bezsonoff, einen katalanischen Autor russischer Herkunft. Der sprach von einem "Tanz der Identitäten", der in Katalonien getanzt werde - aber man darf das Bild auch auf den Rest der Mittelmeerküste anwenden. Guillamons Antwort: "Die katalanische Literatur ermöglicht es, ein paar universelle Themen auf ungewohntem Terrain neu zu denken." Katalonien und seine Sprache als Spaniens Fenster nach Europa sozusagen.
Mehr als hundert Nationen leben in vielen Orten an der Küste zusammen, in manchen Dörfern stellen Ausländer längst die Mehrheit. Auch viele Deutsche sind dabei, die ihren Lebensabend in Eigenheimen mit Blick aufs Meer verbringen wollen. Aber auch immer mehr Jüngere, die im Aufschwungland Spanien eine Arbeit finden, kommen ans Mittelmeer. Macht man ihnen klar, welch geistiger Reichtum sich im Katalanischen verbirgt, lernen sie die Sprache gerne. Nicht nur zum Paella-Bestellen.
Datum:
29.09.2008
Quelle:
SAZ
Autor:
Wilhelm Wagner
Bildquelle:
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Suchbegriffe: Katalan, Katalonien, Valenciano, Buchmesse, Frankfurt, Pla, Espriu, Riba, Barbal, Villalonga
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