Stöhn-Orgien im Tennis: Ein Sport kommt in Verruf
"Immer, wenn ich beim Zappen im Fernsehen zufällig auf ein Tennisspiel stoße, kommt es mir vor, als ob hier grad ein Pornofilm gedreht wird." Internet-Forum-Teilnehmer "GreatSaxony" bringt es auf den Punkt. Wer dieser Tage im spanischen Fernsehen oder auf Euronews die Übertragung des Grand-Slam-Turniers in Paris erwischt, weiß, wovon die Rede ist.
Es geht mehr oder weniger um die Frage, ob das moderne Tennis der Gegenwart überhaupt noch jugendfrei ist. Oder, wie ein anderer Form-Teilnehmer ergänzt: "Besonders beim Damentennis krieg ich immer soo ein Rohr ... äääh Hals wollte ich sagen. Wieso hat da noch keiner ne Software entwickelt, die das Stöhnen in Echtzeit unterdrückt - dann haben wenigstens die Leute vor dem Fernseher ihre Ruhe."
Fans und Fachleute sind sich vor allem im Sport nicht immer einig, aber in dieser Frage dann doch: Das Stöhnen beim Tennis verändert einen ganzen Sport, macht ihn teilweise nicht mehr gesellschaftsfähig.
Der "weiße Sport" wird vulgär - wer hätte das gedacht?
Kindern ist jedenfalls kaum noch zu vermitteln, warum die Frauen und Männer, die da dem Ball nachjagen, Geräusche von sich geben, als würde man sie quälen. Jugendliche, die schon ein bisschen reifer sind, kommen aus dem Gekicher nicht heraus, sie wissen oder ahnen doch zumindest, wo sie dieses Gestöhne schon einmal gehört haben. Vielleicht aus dem elterlichen Schlafzimmer, sicher aber aus einem Pornofetzen, den sie sich im Zweifel aus dem Internet downgeloadet haben.
Die Folge ist klar: Das moderne Tennis verliert seinen guten Ruf, kaum jemand mag noch zuschauen und sich stundenlang das Gewimmer und Gegrunze anhören, das die Spielerinnen und Spieler von sich geben. Tennis, früher doch gerade als "weißer Sport" besonders vornehm, wird immer vulgärer. Dagegen ist der früher so verrufene Fußball - wenn nicht gerade in hohem Bogen über den Platz gespuckt wird - geradezu gesittet. Wer hätte das gedacht?
Hat Boris Becker denn gestöhnt?
Es ist einfach peinlich, einem Tennisspiel zuzuhören. Wer einen Teich im Garten hat, fühlt sich gerade dieser Tage an Froschgequake erinnert. Aber Frösche können eben nicht anders. Sportler aber schon. Oder hat jemals jemand Boris Becker stöhnen hören? Dies sind eben Dinge, die man sich für die Besenkammer aufhebt, wenn überhaupt.
Angefangen hatte alles mit Monica Seles, einst Gegenspielerin von Steffi Graf. Die exaltierte Rumänin, die in Hollywood Karriere machen wollte, wurde mit ihrem Stöhnen anfangs noch als Exotin belächelt. Doch sie war Vorreiterin einer bis heute grassierenden Stöhn-Seuche, die längst die Männer infiziert hat.
Seles machte den Anfang - heute stöhnen (fast) alle
Vorbei die Zeiten, als nicht-stöhnende Spieler sich über den Geräuschpegel ihrer Gegner beschwerten, wie es 1992 im Wimbledon die Gegnerinnen von Seles, Tauziat und Navratilova. Im Finale bemühte sich Seles sogar noch ernsthaft, Ruhe zu bewahren. Das aber bekam ihrem Spiel überhaupt nicht, sie verlor gegen Steffi Graf sang- und vor allem klanglos mit 2:6 und 1:6.
Warum aber stöhnen moderne Tennisspieler so ekstatisch? Angeblich ist es wichtig, beim Schlagen auf den Ball die Luft aus dem Körper zu pressen. Das ist gut für die Atmung und gut für die ganze Physis. Es würde wenigstens erklären, warum die immer härter schlagenden Tennis-Cracks immer lauter stöhnen. Kraftbolzen wie Rafael Nadal (Bild) stöhnen besonders laut, elegante Spieler wie Roger Federer kommen dagegen so gut wie ohne aus. Auch der Gräfin wäre beim Slicen ihrer Rückhand niemals ein Stöhnen entfleucht, das wäre unter ihrer Würde gewesen. Um Würde aber geht es heute nicht mehr.
Lange Ballwechsel werden unerträglich - Zuschauer fühlen sich belästigt
Überhaupt kehren sich gerade durch das Stöhnen die Verhältnisse im Tennis um. Genossen die Fans früher gerade die langen Ballwechsel, um dabei zu verfolgen, wie Angriffe sorgsam vorbereitet und dann vollendet wurden, freut man sich heute über jedes As - weil lange Ballwechsel schier endlose Stöhnorgien nach sich ziehen. Ein Boris Becker wurde früher noch als "Bum Bum Boris" verhöhnt, weil er Spiele mit seinem Aufschlag zu gewinnen pflegte. Heute wäre man ihm dankbar.
Und waren es früher die Zuschauer, die die Spielerinnen und Spieler vor Aufschlägen in ihrer Konzentration störten, ist es heute umgekehrt. Die Zuschauer fühlen sich von den Aktiven belästigt, eine Unterhaltung während eines Tennisspiels ist undenkbar.
So kann man sich nur Alan Mills anschließen, dem längjährigen Turnierchef von Wimbledon. Er hatte vor seinem letzten Turnier vor zwei Jahren ein "Stöhn-Verbot" für die Spieler gefordert.
Datum:
03.03.2008
Quelle:
SAZ
Autor:
Wilhelm Wagner
Bildquelle:
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Suchbegriffe: Tennis, Stöhnen, Verruf, Nadal, Boris Becker
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