Nispero, die unbekannte Schöne
Die Augen von Ernährungsexperten leuchten, wenn sie von Nisperos erzählen. Nisperos zaubern demnach aus Winterdepressionen fidele Frühlingsgefühle, ihr hoher Gehalt an Karotin ist gut für Haut und Augen und hilft bei der Krebsvorsorge. Kalium (rund 200 Milligramm auf 100 Gramm!), Kalzium und andere Mineralien entschlacken den Körper. Nisperos haben kaum Kalorien, und sie schmecken einfach super. Das Fruchtfleisch erinnert ein wenig an Aprikosen, die Haut an Pfirsich.
Wer Gerbsäure nicht verträgt, sollte auf die Haut verzichten. Man reicht die Nispero als Kompott, zu Obstsalat oder Beilage zu Geflügel. Kleinere Früchte sind oft die aromatischeren, übermäßige Größe zeugt nicht selten von zu starker Bewässerung.
Tausende Saisonarbeiter angefordert - und dann der Regen
Vor 50 Jahren begann der kommerzielle Nispero-Anbau in der Marina Baja, heute ist die Region um Callosa, Altea, La Nucia und Polop mit 1.200 Hektar Anbaufläche weltgrößter Exporteur, rund tausend Kleinbetriebe ernähren sich davon.
2007 begann die Ernte wegen des milden Winters zwei Wochen vor der Zeit, also bereits Anfang April. Rund 2.000 Saisonarbeiter wurden angefordert, aus Andalusien, Polen und Slowenien. 55 Euro 50 bekommen die Pflücker pro Tag garantiert, das macht rund 4 Euro 40 die Stunde, die Plantagenbesitzer müssen für eine Unterkunft sorgen, die nicht mehr als zehn Prozent des Gehalts kostet - meistens schlafen die Arbeiter in Containern mitten in den Campos.
Dann aber kam der Regen, viele Früchte verfaulten noch am Baum, andere bekamen dunkle Flecke und waren damit wertlos. Denn in den Verkauf gelangen nur makellose Früchte. Rund sieben Millionen Tonnen Nisperos gingen verloren, die erhoffte Rekordernte war dahin. Immerhin sorgte die derart erreichte Verknappung des Angebots für einen besseren Preis als normal.
Wer von Altea aus durch die Täler von Guadalest und Algar in Richtung Berge fährt, mag sich über die riesigen Netze wundern, die ganzjährig über weite Teile der Plantagen gespannt sind. Der Grund: Wegen des Windes brechen die Äste sehr leicht ab, vor allem im Februar, wenn die Früchte kommen und es sehr viel Sturm gibt. Geht alles gut, gibt es rund 22.000 Tonnen Nisperos im Jahr. Die Chinesen produzieren zwar mehr als 100.000 Tonnen, aber auf einem Gebiet, das sechsmal so groß ist wie Spanien. Und sie essen alles selbst.
Nicht zu verwechseln mit der deutschen Mispel
Nach Europa kam die Nispero Ende des 18. Jahrhunderts, nach Spanien sogar erst um 1850. Die Nispero mag es richtig heiß, schon bei etwa Minus 5 Grad geht sie ein. Wird sie beim Transport zu arg geschüttelt, bekommt sie braune Flecke und lässt sich nicht verkaufen. Deshalb kennt man sie in Deutschland kaum. Nur 500 Tonnen im Jahr werden aus Callosa nach Deutschland exportiert, das meiste davon essen die Türken. Viele Deutsche stehen der Nispero, zu deutsch Mispel, reserviert gegenüber, die Frucht ist nur wenigen bekannt. Dabei hat gerade die deutsche Mispel, ihr korrekter botanischer Name lautet ‚Mespilus germanica’, nicht unerheblich zur allgemeinen Verwirrung um das Rosengehölz beigetragen.
Denn die deutsche Mispel, auch echte Mispel genannt, ist äußerst bitter und erst im November nach den ersten Frostnächten und wochenlanger Lagerung einigermaßen zu genießen. Man findet sie vor allem in Marmelade und Gelees. Frisch bekam man Mispeln in Deutschland im Mittelalter zu essen, wo sie zum Inventar jedes besseren Klostergartens gehörte. Die Römer brachten sie einst aus Vorderasien nach Germanien.
Die spanische Nispero dagegen stammt aus China und Japan, ihr korrekter deutscher Name heißt Japanische Wollmispel (Eriobotrya japonica), weil die Blätter des immergrünen Baums auf ihrer Unterseite leicht behaart sind. In der Literatur findet man sie auch als Loquat oder Brasilianische Aprikose. Die Wolle ist nicht nur hübsch anzufassen, sie vertreibt Schädlinge: Blattläuse, Milben oder Spinnen findet man in Nispero-Bäumen nicht, auch Schild- und Wolläuse, Mehltaupilze und Blattfleckenkrankheiten sind unbekannt. Die Nispero ist quasi ein Öko-Produkt, Insektizide zum Beispiel müssen nicht gespritzt werden.
Wer sich selbst als Nispero-Bauer versuchen will, sollte beim Kauf auf die Wahl der richtigen Jungpflanze achten. Denn nicht jeder Baum fruchtet gleich. Deshalb sollte man nur Exemplare kaufen, die schon Früchte tragen. Wer sich ein Nispero-Bäumchen selbst ziehen will, steckt einfach eine gekaufte oder selbst gepflückte Frucht etwa zwei Zentimeter in den Boden und lässt sie bei rund 20 Grad keimen.
Datum:
03.03.2008
Quelle:
SAZ
Autor:
Wilhelm Wagner
Bildquelle:
SAZ
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