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11. März 2004: Terror in Madrid

Am 11. März 2004 waren bei einem Terroranschlag in Madrid 191 Menschen getötet worden, fast 2.000 wurden verletzt. Es war das schlimmste Attentat, das je in Europa verübt wurde.

13 Bomben hatten ab 7.37 Uhr innerhalb von zwei Minuten vier mit Pendlern voll besetzte Vorortzüge auf dem Weg zum Bahnhof Atocha aufgerissen wie Papier. Unmittelbar nach den Anschlägen hatten nach einer Untersuchung der Universidad Complutense 260.000 Menschen Panikanfälle nach der Benutzung von Zügen erlebt, noch ein Jahr danach litten mehr als 70.000 unter chronischen Angstzuständen. Viele tun es heute noch.

Für die meisten Spanier stand unmittelbar nach den Anschlägen fest, dass die ETA wieder zugeschlagen hatte. Am 12. März gingen mehr als elf Millionen Menschen im ganzen Land auf die Straßen, mit Kronprinz Felipe nahm zum ersten Mal ein Mitglied der königlichen Familie an einem Protestmarsch teil. Viele Anti-ETA-Transparante waren zu sehen. Aber schon früh tauchten Zweifel auf: Die ETA stritt jede Verantwortung ab, in einem Transportauto fand sich ein Tonband mit Koranversen, ein arabisches Bekennervideo wurde entdeckt. Unter den verdächtigen Kriminellen, die am 13. März verhaftet wurden, befanden sich  mehrheitlich Marrokaner. Sofort setzte sich eine andere Lesart der Ereignisse durch: die einer perfiden Rache islamistischer El-Kaida-Terroristen für die Entsendung von spanischen Soldaten in den eben von den USA bekriegten Irak - offenbar in Anlehnung an die Anschläge vom 11. September 2001 in New York. Nach dem "9-11" in den USA nun also "11-M" in Spanien.

Die Stimmung kippt, die Regierung wird abgewählt

Vielen Spaniern, vor allem den regierungskritischen, leuchtete diese Lesart sofort ein. Sie war zwar sachlich nicht ganz richtig, denn die spanischen Soldaten kamen erst nach der Invasion als Ordungskräfte in den Irak. Aber die Linksparteien Spaniens ließen sich diese Vorlage nicht entgehen. Die Stimmung gegen die zuvor beliebte konservative Regierung unter Ministerpräsident Aznar kippte, zumal sie versuchte, vor den Parlamentswahlen am 14. März mit aller Macht an der ETA-Täterschaft festzuhalten. Auch für diese manipulative Informationspolitik wurde die Regierung schließlich abgewählt. Seitdem regiert der Sozialist Zapatero das Land, was vor dem 11. März kaum einer für möglich gehalten hatte. Seine erste Maßnahme als Regierungschef war der Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak. Für die bürgerliche Opposition die erste Kapitulation Zapateros vor dem Terror.

Den anschließenden politischen Grabenkampf  im parlamentarischen Untersuchungsausschuss empfanden nicht nur die Terroropfer selbst als besonders unappetitlich. Noch immer halten die Bürgerlichen und ihre Presseorgane wie El Mundo an der Idee fest, es gäbe eine Mitbeteiligung der ETA an den Attentaten. Etwa ein Drittel der Bevölkerung hält dies für möglich. Und obwohl es durchaus entsprechende Hinweise gab, ließen die Sozialisten nie wirklich in diese Richtung ermitteln. Für sie war und ist die islamistische El-Kaida-Spur die einzig wahre. Aber drei Jahre nach dem Anschlag war immer noch nicht geklärt, welcher Sprengstoff in den Vorortzügen Madrids explodiert ist. Für die Gegner der Alleinverantwortung El Kaidas ein Indiz dafür, dass eben doch die ETA an den Anschlägen beteiligt gewesen sein könnte.

2007: Mammutprozess in Madrid

Dem Volk ging der Versuch, den 11-M politisch zu instrumentalisieren, mehrheitlich gegen den Strich. Denn gegen den Terror halten die Spanier zusammen. Schon damals - und heute noch immer - ist von einer Sicherheitshysterie nach amerikanischem Vorbild nichts zu spüren. Nach 30 Jahren ETA-Terror mit rund tausend Toten haben die Spanier gelernt, mit der Gefahr zu leben.

Am 3. April 2004 hatten sich sieben mutmaßliche Terroristen der so genannten "Islamischen Kampfgruppe Marokkos" vor ihrer drohenden Verhaftung in einer Wohnung in Madrid selbst in die Luft gesprengt, ein Polizist kam dabei ums Leben. Seitdem galt das Attentat als aufgeklärt. 

Dreieinhalb Jahre nach den Terroranschlägen von Madrid und einem Mammut-Prozess mit 300 Zeugen sind drei der insgesamt 28 Angeklagten zu Höchststrafen verurteilt worden. Gegen zwei Marokkaner und einen Spanier verhängte der Richter jeweils Strafen von rund 40.000 Jahren Gefängnis. Insgesamt wurden sieben Angeklagte freigesprochen, darunter auch Rabei Usman Sajed Ahmed alias Mohammed der Ägypter, der lange als einer der Drahtzieher der Anschläge auf vier Pendlerzüge am 11. März 2004 galt. Hinterbliebene und Opferverbände kritisierten die Urteile als zu mild. "Das sind viel zu wenig Schuldige für so ein schreckliches Verbrechen", sagte Maria José Gutierrez, deren Schwester unter den Toten war.

Bei den zu Höchststrafen Verurteilten handelte es sich um Jamal Zougam (42.922 Jahre), Othman el-Gnaoui(42.924 Jahre) sowie José Emilio Suarez Trashorras (34.715 Jahre). Sie wurden des vielfachen Mordes und versuchten Mordes schuldig gesprochen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Zougam einer der Bombenleger war. Die beiden anderen hätten Sprengstoff für die zehn Bomben besorgt, die 191 Menschen aus 13 Ländern töteten sowie 1841 Menschen verletzten.

Für eine handfeste Überraschung sorgte das Gericht in Madrid mit dem Freispruch für Ahmed alias Mohammed der Ägypter, der als einer der Drahtzieher galt und bereits 2004 in Italien verhaftet wurde. Wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung wurde er bereits zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt, die Anfang der Woche auf acht Jahre reduziert worden war. 

Auch zwei weitere mutmaßliche Anführer der Attentäter wurden von dem Vorwurf der Drahtzieherschaft freigesprochen. Der Marokkaner Hassan Al Haski erhielt für die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung 15 Jahre Haft, sein Landsmann Youssef Belhadj 20 Jahre. Der Marokkaner Abdelmajid Bouchar, der laut Anklageschrift ebenfalls eine Bombe im Zug platziert haben soll, wurde wegen des Besitzes von Sprengstoff und seinen Kontakten zu einer terroristischen Vereinigung zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Landsmann Rafa Zouhier erhielt eine Haftstrafe von zehn Jahren für den Handel mit Sprengstoff. Weitere 15 Angeklagte müssen für drei bis 18 Jahre in Haft. Allen 21 Verurteilten bleiben fünf Tage zur Berufung. Sie hatten sich während des Prozesses für nicht schuldig bekannt. 

Zapatero: "Die Gerechtigkeit hat gesiegt".

Regierungschef José Luis Rodriguez Zapatero sagte nach dem Urteil, es sei "Gerechtigkeit geübt" worden. Die größte Opfervereinigung kündigte jedoch an, vor dem Obersten Gericht in Berufung zu gehen. Ihr Anwalt José Maria de Pablo bedauerte, dass niemand als Organisator der Anschläge verurteilt wurde. "Die Ermittlungen müssen fortgesetzt werden. Irgendjemand muss den Befehl für die Ausführung dieser Anschläge gegeben haben", sagte er. Auch Pilar Manjon, deren Sohn mit 20 Jahren in einem der "Todeszüge" starb, wollte sich mit den Urteilen nicht zufrieden geben: "Ich will nicht, dass diese Mörder frei herumlaufen."

Der Prozess hatten von Mitte Februar bis Anfang Juli 2007 gedauert. Dutzende bewaffnete Polizisten mit kugelsicheren Westen patrouillierten mit Hunden vor dem Gerichtsgebäude in der spanischen Hauptstadt. Die Staatsanwaltschaft forderte für alle Angeklagten ein Strafmaß in der Rekordhöhe von insgesamt 311.865 Jahren Haft. Spaniens Strafrecht sieht die Addition sämtlicher Einzelstrafen vor, allerdings liegt die maximale Haftzeit bei 40 Jahren. 


Datum:
17.03.2008
Quelle:
SAZ
Autor:
Wilhelm Wagner
Bildquelle:
 

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Suchbegriffe: 11-M Madrid, El Kaida, Aznar, Zapatero, Atocha Anschläge


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