"La Enigmática" - Die Dame von Elche
Um wenige Frauen wird so heftig gestritten wie um die Dame von Elche (La Dama de Elche). Die Spanier nennen die berühmte Figur ehrenvoll "La Enigmática", zu Deutsch - die Rätselhafte.
An der geheimnisvollen Dame wird schon lange geforscht, und immer noch wirft sie Fragen auf. Einige Wissenschaftler behaupten sogar, es handele sich ganz und gar nicht um eine Frau, sondern um einen Mann. Nichtsdestotrotz gilt die Büste als ein herausragendes Zeugnis der Kunst der Iberer, einer Zivilisation, die vor mehr als 2.500 Jahren in Spanien lebte.
Die Büste ist aus vielfarbigem Stein gefertigt und zeigt eine Dame, die eine komplexen Haarschmuck und an jeder Kopfseite einen Haarknäuel trägt. Die Gesichtszüge sind überraschend charismatisch: Eine lange, schmale Nase und feine, geschlossene Lippen. Das Gesicht weist eine leichte Asymmetrie auf, einen etwas vorgeschobenen Unterkiefer und schmale Wangen. Die Augen sind halb geschlossen, so dass die Dame träumend, geheimnisvoll in die Ferne blickend wirkt.
Der Kopfschmuck besteht aus einer komplizierten Frisur und einer von der Stirn ausgehenden Haube, deren Saum mit Falten geschmückt ist. Das Gesicht ist auf beiden Seiten mit zwei Klammern geschmückt, die das geflochtene Haar radförmig umschließen. An der Innenseite der Klammern hängen mehrere Kordeln herab. Bekleidet ist die Frau mit einem verschlossenen Umhang, unter dem sie eine Art Tunika trägt. Um den Hals hängen drei Ketten, an denen sich eine Reihe interessanter Anhänger befindet.
Am Original hat man noch Reste von vielfarbiger Bemalung gefunden, insbesondere Rot für die Lippen, die Haube und den Umhang. Über den Sinn der Vertiefung auf dem Rücken ist lange Zeit gerätselt worden. Vermutlich diente die Dame als Urne und die Vertiefung als Aufbewahrungsort für die Asche der Verstorbenen. Womöglich ist Büste gar das Abbild Toten selbst, vielleicht ist sie aber auch eine Heilige oder Göttin. Ihre besondere Form, die Aushöhlung auf dem Rücken und der Kopf- und Halsschmuck ergreifen seither die Betrachter.
Die Dame de Elche wird als iberische Kunst betrachtet, doch die zeitliche Einordnung erweist sich als sehr schwierig. Kurz nach ihrer Auffindung wurde die Dame auf Ende des sechtsen oder den Anfang des fünften Jahrhunderts vor Christus datiert. Doch dies ist nicht mit Sicherheit beweisbar. Eventuell stammt sie auch aus der hellenistischen oder römischen Zeit. Was fest steht ist: Die Büste ist auf der ganzen Welt absolut einzigartig.
Die Skulptur wurde am 4. August 1897 zufällig in Alcúdia gefunden, das zwei Kilometer von Elche entfernt liegt. Dort wurden zu dieser Zeit Erneuerungsarbeiten auf einer Obstplantage ausgeführt. Der glückliche Finder war der erst 14jährige Arbeiter Manuel Campello Esclapez. Schon nach einigen Wochen kaufte Pierre Paris, ein französischer Archäologe die Skulptur und ließ sie im Louvre ausstellen.
Als der zweite Weltkrieg über Europa hereinbrach, wurde die Lady zunächst sicher in einem Safe versteckt. 1941 kehrte sie nach monatelangen Verhandlungen zwischen der neuen Vichy-Regierung und Franco wieder nach Spanien zurück und fand dort eine vorläufige Heimat im Museo del Prado in Madrid. Von dort aus zog sie ins Nationale Archäologische Museum (MAN) der Hauptstadt, wo sie bis zum heutigen Tag geblieben ist. Die Lady übte seither große Faszination auf die Spanier und die Historiker aus. 1948 wurde sie sogar auf der Ein-Pesete-Banknote verewigt.
Immer wieder fordert die Bevölkerung von Elche, dass man ihnen "ihre" Dame zurückgibt. Zu diesem Zweck wurde in der Stadt sogar ein eigener Verein gegründet. Normalerweise kann man im rund 200.000 Einwohner zählenden Elche nur eine Reproduktion der Originaldame sehen, zur Zeit ist die Lady allerdings aus Madrid in ihre Heimat gereist und wird bis zum 1. November im Rahmen der Ausstellung "De Ilici a Elx, 2.500 años de historia" im Museo Arqueológico y de Historia de Elche (MAHE) in einem eigenen Raum präsentiert.
Der Fundort der Lady von Elche ist ein reiches Ausgrabungsgebiet. Hier entdeckte man schon viele Kunstgegenstände, iberische und römische Objekte, Mosaike, Mauern, Friedhöfe, ganze Dörfer. Außerdem hat man eine Lampe ausgegraben, die den heiligen Abdón zeigt, und zusammen mit anderen Ausgrabungsteilen, auf eine christliche Basilika aus dem fünften Jahrhundert schließen lässt.
Wer oder was auch immer die fesselnde Dame sein mag, einen Besuch sollte man ihr auf jeden Fall abstatten.
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