Wie der Bikini Spanien eroberte
Am 1. Juli 1946 warf ein US-amerikanisches Flugzeug über dem Bikini-Atoll im Pazifik für eine Testserie die erste Atombombe der Nachkriegszeit ab.
Der brisante Name hieß so viel wie "das Land der vielen Kokosnüsse" und ging prompt durch alle Zeitungen.
Als Louis Réard vier Tage später seine brandneue Bademode in einem Pariser Schwimmbad vorstellen ließ und sie nach dem Atoll "Bikini" benannte, galt das knappe Kleidungsstück, das mehr offenbarte als verschleierte, als obszön. Zur Präsentation musste Réard gar die Nackttänzerin Micheline Bernardini anheuern, da kein Model sich bereit erklärte, so spärlich bekleidet aufzutreten. Im Gegensatz zu den alten Badeanzügen, die teilweise sogar noch die Oberschenkel verdeckten, sollte man plötzlich Bauch, Beine und Rücken der Damen sehen. Provokant, skandalös, regelrecht unzüchtig, so das Urteil der Zuschauer. Die Textil-Dreiecke mit dem vielsagenden Namen riefen vielerorts moralische Entrüstung hervor, sodass die katholische Kirche das Kleidungsstück mit einem Bann belegte. Obwohl selbst die Römer schon Zweiteiler kannten, die dem heutigen Bikini ähneln, gewöhnten sich die Menschen nur langsam an den neuen Anblick. In den 60er Jahren konnte sich der Bikini allmählich gegen die antiquierten gesellschaftlichen Normen der Zeit durchsetzen und die damalige biedere Damenbademode verdrängen. 1962 kam er erstmals auf die Kinoleinwand im Film "James Bond - 007 jagt Dr. No" und erlebte seinen weltweiten Durchbruch. Plötzlich wurde das unerhörte Kleidungsstück zum Modehit.
Im damals noch tief in der Diktatur Francos steckenden Spanien war die Badebekleidung nach wie vor ein gesellschaftlicher Fauxpas. Doch wollte das Land die wirtschaftliche Öffnung fördern, indem es Touristen anlockt und seine Kassen auffüllt. Die ausländischen Damen verzichteten aber keineswegs auf ihre trendigen Bikinis, und brachten die Spanier fast noch um den Verstand. Noch verpönter und sogar verboten war Topless-Baden und Küssen am Strand. Mancherorts schritt schon mal die Guardia Civil mit Hunden und Gewehren ein, wenn irgendwo ein Pärchen gesichtet wurde. Die Touristinnen jedenfalls ignorierten die vielsagenden Blicke auf ihre Bikinis - schließlich fühlten sie sich als zahlungskräftige Gäste des Landes. Ihr selbstbewusstes Verhalten irritierte zunächst die Spanier, die sie zunächst begafft und manchmal dann auch beschimpft hatten. Letztendlich konnte sich das Land jedoch nicht langfristig gegen das Modebewusstsein tausender junger Frauen durchsetzen. ![]()
Mit der Zeit wurden die peppigen Bikiniträgerinnen von den spanischen Männern bewundert und von den Spanierinnen beneidet. Und langsam trauten sich auch die ersten Einheimischen in Bikinis, die nicht nur als chic galten, sondern einem lautlosen Protest gegen den konservativen Diktator Franco und dessen autokratisches System gleichkamen. So setzte sich der Bikini auch im katholischen Spanien durch, was einige Jahre zuvor noch undenkbar war. Die Spanierinnen hatten sich ein kleines Stück Freiheit erkämpft und ließen sich, zumindest im modischen Sinne, nicht mehr von der Welt abkapseln. Der Bikini war das Symbol der Freiheit. Die Freiheit und eine Angleichung an das westliche Europa erreichten aber erst nach dem Tode Francos im Jahr 1975 das Land.
Heute gilt der Bikini fast überall auf der Welt als normale Bademode und fehlt zumindest im Westen an keinem Strand. Für Modeschöpfer Louis Réard, der eigentlich Autoingenieur war, währte der wirtschaftliche Erfolg nur wenige Jahre: Schon bald wurde sein Modehit von den anderen Designern aufgegriffen und in Variationen abgewandelt. Der Franzose verstarb 1984 in der Schweiz und wird in diesem Jahr nicht nur als kreativer Modeschöpfer seiner Zeit, sondern auch als mutiger Erneuerer gefeiert. ![]()
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