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Das Spanien der Reconquista

Das schroffe Bergland der kantabrischen Kordilleren wurde von den Mauren nie wirklich erobert; es hatte sie wohl auch nicht sonderlich interessiert. Es war eine arme Gegend, kaum bewohnt, ganz anders als die fruchtbaren Ländereien im Süden der Halbinsel. Die hier im Norden lebenden Bergbewohner, Kantaber, Asturer und Basken, hatten schon den Römern, später den Westgoten heftigen Widerstand geleistet.

Man weiß nicht einmal genau, in welchem Jahr es war, 718 oder 722, als es dem westgotischen Adligen Pelayo bei der berühmten Schlacht von Covadonga gelang, einen arabischen Stoßtrupp zu vernichten. Militärisch gesehen war diese Schlacht bedeutungslos, für die Reconquista aber war sie ein Fanal. Die Unabhängigkeit Asturiens blieb aber wohl hauptsächlich deshalb erhalten, weil die hier in der Gegend, in Galizien und auf der nördlichen Meseta stationierten Berbergarnisionen sich auf eigene Faust Richtung Süden aufmachten. Sie fühlten sich nämlich von den Arabern bei der Verteilung der eroberten Länder übervorteilt. Im Gegenzug kamen immer mehr Westgoten nach Asturien, und die Landschaft zwischen Duero und den Kordilleren wurde bald zum unbewohnten Niemandsland, eine Pufferzone zwischen Mauren und Christen.

Der erste König Asturiens war Alfonso I. (739-757), ein Schwiegersohn Pelayos. Es scheint (die entsprechenden Quellen sind ca. 100 Jahre jünger), dass er in dieses Niemandsland vorgestoßen ist, allerdings nur den Norden Galiziens und die Gegend am oberen Ebro besetzt halten konnte.

Die Thronfolger, nämlich Alfonsos Söhne Fruela I. (757-768), Aurelio (768-774) und Silo (774-783) sind historisch recht bedeutungslos; aus den Nachrichten, die wir über sie haben, lassen sich allerdings bereits die Probleme erkennen, mit denen die christlichen Reiche in den nächsten Jahrhunderten zu tun haben werden: Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Linien einer Dynastie um die Thronfolge, Probleme bei der Organisation besetzter Gebiete, Partikularismus der einzelnen Volksstämme, Kompetenzstreitigkeiten zwischen der heimischen und der mozarabischen Kirche usw. Die sporadischen Reibereien mit den Mauren waren da bald nur noch ein zweitrangiges Problem.

Ein Diplom König Silos vom 13. August 775, mit dem er eine Schenkung an eine Klerikergemeinschaft bestätigte, ist das älteste in Spanien erhaltene Originaldiplom.

Unter König Alfonso II. el Casto (der Keusche; 791-842), dem Sohn Fruelas I., konsolidierte sich Asturien. Er erkannte den propagandistischen Wert der Auffindung (besser gesagt: Erfindung) des Grabes des Hl. Jakobus in Santiago de Compostela, wodurch sein Reich zum Vorkämpfer des Christentums gegen den Islam wurde. Er machte nach dem Vorbild des gefallenen Toledo Oviedo zur Reichshauptstadt, stellte die traditionelle gotischen Ämterordnung wieder her und verkündete noch kurz vor seinem Tode ein Programm zur Besiedelung der zerstörten Städte und des Ödlands, dessen Umsetzung aber durch die Normanneneinfälle verzögert wurde. Sein Nachfolger Ramiro I. (842-850) musste nicht nur eine Palastrevolte sowie Wickinger- und Maurenangriffe niederschlagen, sondern er zeichnete sich auch als großer Bauherr aus. Das Foto zeigt die von ihm erbaute Kirche San Miguel de Lillo bei Oviedo.

Ordoño I. (850-866) war der erste König, der sich in die Angelegenheiten al-Andalus einmischte. Er unterstützte einen - erfolglosen - Aufstand der Mozaraber gegen den Emir von Toledo. Sein eigenes Reich Asturien konnte er deutlich nach Süden ausweiten und León und Astorga besiedeln. 

I
nzwischen waren auch außerhalb Asturiens die ersten Anzeichen für das Entstehen weiterer christlicher Reiche zu bemerken. Noch Alfonso I. war bei seinen Kriegszügen bis an den Duero vorgestoßen und hatte den Norden der heutigen Provinz Burgos besiedelt und als Grenzmark Kastilien (Castilla) ausgebaut. Ordoño setzte dort den ersten Markgrafen, Rodrigo, den Herrn von Alava, ein. Unter diesem und seinen Nachfolgern wurde Kastilien nicht nur bis 912 bis an den Duero ausgedehnt, sondern auch zur Freude Asturiens, das einen starken Nachbarn fürchtete, in mehrere Grafschaften zerschlagen.

Das Königreich Navarra (Pamplona) entstand aus dem Kampf, den die baskischen Stämme an zwei Fronten, nämlich gegen die Mauren und gegen die Karolinger (Schlacht von Roncesvalles 778), führten. Die Stammesoberhäupter hatten sich mit der maurischen Familie Banu Qasi verbündet, die das Ebrotal kontrollierte und die Unabhängigkeit von Córdoba anstrebte. Unter ähnlichen Geburtsumständen entstanden in den Pyrenäen die Kleinreiche Aragon, Sobrarbe, Ribagorza und Pallars. Das heutige Katalonien wurde gegen Ende des 7. Jahrhunderts von den Franken erobert und bildete die Spanische Mark. 801 fiel Karl dem Großen Barcelona in die Hände.

Aus dem Königreich Asturien war inzwischen Asturien-León geworden. Nach dem Tode Ordoños I. 866 folgte ihm sein noch minderjähriger Sohn Alfonso III. (866-911). Aus einer Wahl- war also bereits eine Erbmonarchie geworden. Der Thronwechsel erfolgte nicht reibungslos, da eine Revolte des Grafen von Galizien, Fruela Bermúdez, niedergeschlagen werden musste. Zum Glück für Asturien waren die Mauren im Emirat von Córdoba so sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, dass sie diese Situation nicht haben ausnutzen können. Bezeichnend ist, dass 877 Ibn Marwan, der von Mérida aus einen Aufstand gegen Córdoba versucht hatte, am asturischen Hof Zuflucht suchen konnte.

Die territoriale Ausweitung Asturiens erfolgte in drei Etappen. In den neueroberten Gebieten wurden Klöster eingerichtet, in denen eine große Anzahl der heute noch erhaltenen Chroniken entstanden. Aus ihnen geht die klare Absicht der Dynastie von Oviedo hervor, die gesamte Halbinsel erobern und ein christliches Nachfolgereich für das untergegangene toledanische zu errichten. Alfonso wurde hier z.B. als "Westgotenkönig von Oviedo" bezeichnet..

Das Ende Alfonsos III. war typisch für diese Epoche: Einer Konspiration seines ältesten Sohnes García konnte er noch zuvorkommen, wurde dann aber von seinen anderen Söhnen Ordoño und Fruela gestürzt, die mit der Unterstützung des Grafen von Kastilien rechnen konnten. Die Söhne teilten das Reich auf: Ordoño behielt Galizien, García León, Alava und Kastilien, Fruela Asturien. Dies waren formal das Ende des asturischen Reiches und der Beginn des Reiches von León (911).

Es folgten mehrere Reichswiedervereinigungen und erneute Teilungen, die Einnahme der Rioja und der Abschluss einer Allianz mit dem Reich von Pamplona (Navarra). 939 führte Abd al-Rahman III. eine Expedition, deren militärisches Ziel die Einnahme von Zamora und León war. Er scheitete bei Simancas. Wenig später konnte León seine Grenzen vom Duero bis an den Tajo und den Tormes vorverlegen. Aber Ramiro II., zu dieser Zeit König von León (931-951) musste auch einen gefährlichen Aufstand in der Grafschaft Kastilien niederwerfen, das erste Aufflackern eines Bestrebens nach Unabhängigkeit in diesem Reichsteil, die unter García Fernández (970-995) dann tatsächlich eintrat.

Schwache Könige, Aufstände, wirtschaftliche Krisen und nicht zuletzt die militärischen Erfolge al Mansurs hatten die Hegemonie Asturiens schwinden lassen. Im Jahre 1000 war Navarra unter Sancho III. unumstrittene Vormacht, während Kastilien sich als die zukünftige Potenz profilierte.

Sancho III. el Mayor (1000-1035) war König von Pamplona und Graf von Aragón, verheiratet mit der Tochter des Grafen von Kastilien. Bis 1025 hatte er die Grafschaften Sobrarbe und Ribargorza annektiert. Der Graf von Barcelona Berenguer Ramon I. war sein Vasall. Seine Schwester Urraca verheiratete er mit Alfonso V. von León. Nach der Ermordung des Grafen von Kastilien 1029 machte übernahm er die Rechte seiner Frau in dieser Grafschaft. Noch kurz vor seinem Tode nahm er König Vermudo III. von León die Orte León, Zamora und Astorga ab und kontrollierte nun beinahe das gesamte hispano-christliche Gebiet.

Seit Mitte des 10. Jahrhunderts hatten sich auch die Grafen von Katalonien vom Frankenreich gelöst und suchten nun mit päpstlicher Unterstützung nach größtmöglicher Eigenständigkeit.

Mit Fernando I el Mayor (1035-1065), dem Sohn Sanchos III., gelangte die Dynastie Navarras nach Kastilien, seinem Erbteil nach dem Tode Sanchos. León hatte er bereits 1032 durch Heirat gewonnen. Bald schon kam es zu Grenzstreitigkeiten mit Navarra, in deren Verlauf seine Truppen seinen Bruder García Sanchez III. gefangen nahmen und töteten. Nicht viel besser erging es seinem zweiten Bruder, Ramiro I. von Aragón. Als dieser versuchte, der Taifa von Zaragoza einige Orte abzunehmen, verbündete sich Fernando mit dem dortigen König al-Maqtadir gegen seinen eigenen Bruder, der bei der Schlacht fiel. Erfolgreich verlief für Fernando auch ein Feldzug nach Coimbra, in dessen Verlauf er das nördliche Portugal erobern konnte.

Dieses und das Königreich León erbte 1065 sein Sohn Alfonso VI., der sich Kaiser von Spanien nannte und gegen die Almoravidengefahr ein Bündnis mit Burgund suchte. Er starb 1109; die Regentschaft übernahm seine Witwe Urraca, die sich nicht nur den nachdrängenden Arabern gegenüber machtlos sah, sondern auch gegenüber ihrer Halbschwester, der Infanta Teresa, die es auf Galizien abgesehen hatte. Um ihre Position zu stärken, ging Urraca eine weitere Ehe mit dem neuen "starken" Mann unter den christlichen Herrschern, Alfonso I. von Aragón, ein.

Alfonso I. el Batallador eroberte 1118 Zaragoza, überschritt den Ebro und nahm den Mauren Calatayud und Daroca ab. Mit Katalonien, das sich seinerseits bis Tortosa im Ebrodelta ausgedehnt hatte, verbanden ihn verwandtschaftliche Beziehungen. Bis zu seinem Tode 1134 unterstützte er nun Alfonso VII, seinen Stiefsohn und Sohn der Urraca.

Nun fiel Alfonso I. Henriques in Galizien ein und rückte nach Süden vor. Nach großen militärischen Erfolgen gegen Kastilien und gegen die Mauren riefen ihn 1139 seine Ritter per Akklamation zum König von Portugal aus. 1140 wurde Coimbra seine Hauptstadt, 1143 schloss er nach diplomatischer Vermittlung der Zisterzienser den Vertrag von Zamora, mit dem er sich aus dem Vasallenverhältnis zu Alfonso VII. von León-Kastilien befreite. Mit Hilfe englischer Kreuzfahrer wurde 1147 Lisabon eingenommen. Seinem Sohn Sancho I. (1185-1211) und seinem Enkel Alfonso II. (1211-1223) gelang es, Portugal weiter nach Süden bis etwa zu seinem heutigen Umfang auszudehnen.

Die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts war geprägt von den Kriegen der christlichen Reiche untereinander. Erst die Almohadengefahr ließ die christlichen Herrscher zumindest zeitweise gemeinsam handeln. 1212 gelang es den vereinten Heeren Alfonsos II. von Portugal und Alfonsos VIII. von Kastilien, den Mauren bei Las Navas de Tolosa (Sierra Morena) eine vernichtende Niederlage beizubringen. Damit geriet der Rückzug des Islams von der iberischen Halbinsel in seine letzte Phase.

Entscheidenden Anteil am Erfolg der Reconquista hatten die Ritterorden. Johanniter, Templer, der portugiesische Orden von Avis (gegr. 1164) und die spanischen Orden von Santiago, Alcántara und Calatrava waren zum Kampf gegen die Ungläubigen und zum Schutz christlicher Stätten gegründet worden. Nach dem Verlust des Heiligen Landes fanden sie hier eine neue Wirkungsstätte und waren für die jeweiligen Herrscher ein zuverlässigerer Partner als der eigene Adel oder gar die Mitglieder der eigenen Dynastie.

Das Fehlen eines gemeinsamen Feindes nach 1212 ließ die christliche Allianz aber schnell wieder zerbrechen, die einzelnen Reiche gingen nun wieder ihren eigenen Interessen nach. Bis 1262 eroberte Kastilien Córdoba, Jaén, Sevilla und Cádiz, die mit Katalonien vereinten Aragonesen eroberten die Balearen, Valencia und Murcia. Portugal blühte auf, nachdem Alfonso X. von Kastilien Alfonso III. den Titel eines Königs von Portugal und Algarve bestätigt hatte. 1270 wurde Lissabon neue Hauptstadt. Noch einmal kam es zu einem Bündnis zwischen Portugal und Kastilien gegen die Araber, das 1340 zu einem glänzenden Sieg führte. Einige Jahre später versuchte man von kastilischer Seite zweimal vergeblich, Portugal zurück zu erobern (1372 und 1385).

In der Folgezeit wurde Portugal unter Heinrich dem Seefahrer (1394-1460) zur Weltmacht ausgebaut. Aragón trat nach der Vertreibung der Franzosen 1282 im Königreich Neapel das Erbe der Staufer an. 1469 heiratete Isabella, die Thronerbin Kastiliens, Fernando, den Thronerben Aragóns, was zu einem Zusammenschluss der beiden verbliebenen Reiche Spaniens führte. Mit der Krönung Fernandos II. waren beide Länder als Föderation der Katholischen Könige vereint und auf zukünftige Kämpfe um die Macht in Europa vorbereitet.  


Datum:
14.10.2007
Quelle:
SAZ
Autor:
Ralf Peters
Bildquelle:
SAZ
 

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Suchbegriffe: Reconquista, Pelayo, Covadonga, Asturien, Kastilien


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