Spaniens Maddie: Schwere Vorwürfe gegen Telecinco


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Maria Font 
- 03.03.2011

Spaniens Maddie: Schwere Vorwürfe gegen Telecinco
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"Mein Mann war es gewesen, er hat die Kleine umgebracht", vertraute Isabel G. unter Tränen den Reportern des TV-Senders Telecinco an.





Ihr Mann ist der Hauptangeklagte im Prozess um den Mord an Mari Luz, der die spanische Öffentlichkeit seit drei Jahren in Atem hält.

Der 45-Jährige, ein vorbestrafter Kinderschänder, soll vor drei Jahren die fünfjährige Mari Luz in Huelva sexuell missbraucht und in einen Fluss geworfen haben. Die Leiche der Kleinen wurde erst nach zweimonatiger Suche im Hafen der südspanischen Stadt entdeckt.

Vor Gericht hatte Isabel G. ihren Mann noch gedeckt. In ihrer Zeugenaussage machte sie dessen Schwester für den Tod des Mädchens mit den schwarzen Locken verantwortlich.

Der Sender Telecinco, der zum Medienimperium des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gehört, feierte die neuen Äußerungen der Zeugin als einen Scoop. "Wir haben die Nachricht gebracht, die jeder Journalist gerne verbreitet hätte", sagte die Moderatorin Ana Rosa Quintana stolz.

Der Sender erweckte fast den Anschein, als hätte er einen Fall aufgeklärt, an dem sich die Polizei und die Justiz sich die Zähne ausgebissen hatten.

Die Exklusivnachricht brachte Telecinco in der spanischen Medienszene aber keine Bewunderung, sondern eine Menge an Vorwürfen ein. Die Reporter des Senders mussten sich vorhalten lassen, bei ihrer Suche nach Sensationen zu weit gegangen zu sein.

Ihre Kronzeugin Isabel G. ist geistig zurückgeblieben und leicht beeinflussbar. Der Sender habe ihre Behinderung ausgenutzt und ihre Menschenwürde verletzt, beklagten der Journalistenverband FAPE, TV-Zuschauer und Medienexperten.

Der Zeitung El Mundo wurde zudem ein Video zugespielt, auf dem zu sehen ist, dass die Fernsehleute der Frau des mutmaßlichen Sexualmörders ziemlich hart zusetzten, um an ihren Scoop zu kommen. Dort sieht man, wie die rundliche Isabel völlig aufgelöst im Gras sitzt und die Reporter immer wieder anfleht: "Bitte kein Interview mehr. Nehmt die Kamera weg, ich kann nicht mehr."

Die Justiz leitete Ermittlungen gegen den Sender ein. Isabel G. wurde von einem Ermittlungsrichter in Untersuchungshaft eingewiesen wegen des Verdachts, bei ihrer Aussage vor Gericht gelogen zu haben. Die Zeitung El País stellte die Frage: "Wer fällt eigentlich das Urteil über den Angeklagten, das Gericht oder der Medienzirkus?"

Dies ist nicht das erste Mal in Spanien, dass die Berichterstattung in den Medien Einfluss auf einen Mordprozess nimmt. Vor zehn Jahren hatte ein Gericht in Málaga sich von TV- und Zeitungsberichten zu einem eklatanten Fehlurteil verleiten lassen.

Im Prozess um die Ermordung der 19-jährigen Rocío sprachen die Geschworenen eine Lesbe, die Ex-Lebensgefährtin der Mutter des Opfers schuldig. Das Urteil wurde später ausgehoben und in einem neuen Prozess ein in Südspanien lebender Brite wegen Mordes verurteilt. "Das Fernsehen tritt immer mehr an die Stelle der Gerichte, und dies ist eine gefährliche Entwicklung", beklagte der Publizistik-Professor Manuel Nuñez Encabo. (SAZ, dpa; Foto: SAZ)


Schlüsselwörter: Mari Luz Maddie McCann Maddie Telecinco
Bild: / Text: SAZ


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